Liturgie - Homepage einer Pfarrgemeinde

Für eine lebendige Liturgie im Sinne des II. Vatikanischen Konzils

Von Klaus A. Immervoll

Der Kapitalismus ist zur stärksten aller Religionen geworden… Deshalb haben auch die gottlosen Zeiten wie unsere eine Religion - man darf sie nur nicht in den offiziellen Kirchen suchen. Nicht die Kirchen sondern die Konsumtempel sind heute der Ort moderner Religiosität... Die postmoderne Werbung übernimmt die Funktion der Religion. Sie entfaltet die Spiritualität des Konsums. Was unser Gewissen quält, ist ja nicht das Wissen vom Elend der Welt, sondern das Bewusstsein, dass unser Wohlstand eine Funktion jenes Elends ist... Werbung verführt nicht nur zum Genuss, sondern erspart auch noch die Reue. Gerade in unserer coolen Zeit ist der Götterbedarf enorm groß.

Norbert Bolz/David Bosshart Trendforscher und Werbestrategen

Damit ist eigentlich alles über das Verhältnis von Kirche - Welt gesagt! Die Werte haben sich verschoben, die Menschen gehen eben nicht mehr in die Kirche, haben kein Interesse daran. Liturgie wird zur Sache einer Minderheit, in den Städten nur mehr wenige Prozent, am Land noch etwas mehr. Und die Frage vieler Verantwortlicher ist: Wie können wir die Leute wieder in die Kirche zurückholen?

Doch diese Fragestellung ist zu einfach. Bei allem Respekt vor der Mitverantwortung des Einzelnen an seiner Lebensausrichtung, dahinter stecken auch Strukturen und Mechanismen.

Das Leben in einer Gemeinde hat sich in den letzten Jahrzehnten massiv verändert. Wir sind mobiler geworden. Die Mehrheit der Bevölkerung arbeitet außerhalb der Wohngemeinde, auch die Kinder pendeln aus zur Schule, viele Aktivitäten passieren sonstwo, in der eigenen (Territorial-)Gemeinde wird gewohnt. In vielen Fällen bedeutet dies: Ich will meine Ruhe haben.

Das Leben hat die Gemeindegrenzen längst gesprengt. Damit stellt sich auch die Frage: Was ist Pfarrgemeinde? neu!

Weiters: Neben der Erwerbsarbeit gibt es Hausarbeit, Erziehungs- und Pflegetätigkeiten, ehrenamtliches Engagement, Selbst- und Nachbarschaftshilfe. Aber nur die Erwerbsarbeit war früher dem Gewinnstreben unterworfen. In den letzten beiden Jahrzehnten, vermehrt nach dem Zusammenbruch kommunistischer Systeme in Europa, kam es zur Ökonomisierung aller dieser Bereiche. Anders gesagt: Geld spielt damit überall die dominierende Rolle. Die Zerstörung des Charakters und der bisherigen Wertewelt scheint eine unvermeidliche Folge zu sein.

In dieser Situation stellt sich die Frage neu: Was ist Liturgie? Welche Rolle hat sie heute?

Eine erste Antwort gibt das II. Vatikanische Konzil. „Das Heilige Konzil hat sich zum Ziel gesetzt, das christliche Leben unter den Gläubigen mehr und mehr zu vertiefen ...“ Nun scheint die Entwicklung in der Katholischen Kirche in die Richtung zu gehen, dass die alten Werte und Formen nicht nur wieder betont, sondern zur Norm erhoben werden, damit aber noch mehr Gläubige (oder vielleicht nicht mehr So-Glaubende) aussteigen und sich abwenden (ohne freilich die Sinnsuche aufzugeben, wie die Nachfrage bei anderen Angeboten zeigt). Solche Liturgie schließt also Menschen aus, weil sie ihr Leben nicht zur Sprache bringt, die Menschen nicht einbezieht.

Wir müssen uns alle zusammen retten!

Charles Péguy, der bekannte französische Dichter, wollte sich damit nicht abfinden. Er stellte sich auf die Seite derer, die nicht in der Kirche auf dem Weg des Heiles und der Hoffnung sind. In seinem Werk Mystère de la charité de Jeanne d' Arc schreibt er: „Wir müssen uns alle zusammen retten! Zusammen beim lieben Gott ankommen! Zusammen vor ihn treten! Wir dürfen nicht die einen ohne die anderen zu ihm kommen! ...Was würde er wohl von uns denken, wenn wir ohne die anderen zu ihm kämen, ohne die anderen heimkehrten!“ So ist wohl auch das Konzil zu verstehen, wenn es darauf hinweist, dass Liturgie auf die „Notwendigkeiten unseres Zeitalters“ eingehen soll und begründet: Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden.“ (1 Tim 2,4)

Doch wieder zurück zum Konzil: Am 11. Oktober 1962 sagte Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsansprache: Der „springende Punkt“ des Konzils sei nicht, den „kostbaren Schatz zu bewahren, als ob wir uns nur um Altertümer kümmern würden“, sondern es gelte „einen Sprung vorwärts, der einem vertieften Glaubensverständnis und der Gewissensbildung zugute kommt“ zu machen.

Zu einem Sprung vorwärts sind wir also aufgerufen.

Da geht es uns wohl so wie jemandem, der über einen breiten Graben springt, Angst hat drüben nicht anzukommen, hineinzufallen und den bisherigen festen Boden zu verlieren. Aber - haben wir denn gar kein Vertrauen zu Gott? Geht es uns vielleicht wie Petrus auf dem Wasser? So sehr ich die alten Formen (wie zum Beispiel des Stundengebetes) liebe, wir dürfen nicht stehen bleiben, sondern mit den Menschen gehen. Liturgie hat den Anspruch Mitte einer Gemeinde zu bilden, Spiegelbild (oder wie Jugendliche vielleicht formulieren würden - Homepage). Diese Mitte gilt es von den Strukturen her neu zu finden.

Was die christlichen Gottesdienste aber heute in Frage stellt, geht weit über die Organisationsprobleme der katholischen Kirche hinaus. Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass viele althergebrachte Formen und Inhalte von den Menschen nicht mehr akzeptiert werden. Dabei sollte der Protest nicht einfach als Unglaube abgewertet und abgewehrt werden, wie es Peter Trummer, Professor für Neues Testament in Graz, ausdrückt: Er „bietet die Chance, die eigenen Denkvoraussetzungen zu überprüfen. Denn offensichtlich haben die meisten Menschen von den Opfern der Kriege oder auf der Straße schon genug und begegnen dem Wort auch und gerade im religiösen Kontext zu Recht mit großer Skepsis.“ (Peter Trummer, „... dass alle eins sind!“ Neue Zugänge zu Eucharistie und Abendmahl, Düsseldorf 2001). So heißt etwa die so genannte Opferung nach dem Wortgottesdienst offiziell Gabenbereitung, doch die begleitenden Gebete sprechen weiterhin vom Opfer. Dabei heißt das lateinische Wort offere nichts anderes als offerieren, anbieten. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich die Grundproblematik. Ohne noch über Inhalte gesprochen zu haben: Stoßen wir Menschen mit Sprache ab oder laden wir ein, bieten etwas an, was weitere Interaktion ermöglicht?

Die Eucharistiefeier ist dabei nur eine Form. Sie ist aller dings gemeint, wenn davon gesprochen wird, dass die Leute nicht in die Kirche gehen.

Doch Gottesdienste können vielfältig sein, sowohl in der Form als auch im Inhalt. So erleben wir etwa in der Pfarre Heidenreichstein eine volle Kirche bei der Kindersegnung, bei besonders gestalteten Andachten im Advent oder in der Fastenzeit, bei Roratemessen oder der Osterliturgie u.ä.m.. Zwar hat die Pfarre das gleiche Problem mit dem regelmäßigen sonntäglichen Messbesuch wie anderswo auch, doch im Laufe eines Kirchenjahres gibt es immer häufigere Anlässe, an denen wir uns darüber freuen dürfen, dass so viele Menschen kommen und sich wohl fühlen. Eine holländische Studie aus dem Jahr 2002 zeigt, dass jene Pfarreien, die nur das bisherige Angebot an Gottesdiensten weiterführten, weniger Besucher hatten, während jene, die vielfältigere Formen anbieten auch mehr Menschen ansprechen. Natürlich braucht es hier die Mitarbeit von Laien, vor allem in Form von aktiven Liturgiekreisen. So hat die Pfarre Heidenreichstein 3 kleine Gruppen und einen großen Koordinationskreis.

Liturgie ist gemeinsames feierliches Handeln des gesamten Volkes Gottes.

In diesem Sinne brauchen wir den Mut zu einem kräftigen Sprung vorwärts, hin zu den Menschen. Dabei brauchen wir Gott nicht zu ihnen hintragen, er ist längst vor uns dort. Aber suchen wir mit ihnen, bringen wir bei und mit den Menschen Gott zur Sprache, treten wir gemeinsam vor ihn hin und vor allem feiern und preisen wir. Dann wird auch in unseren Gottesdiensten wieder mehr von einer guten Botschaft (Eu-angelion) spürbar und herzenstiefe Dankbarkeit (Eu-charistie) möglich werden (Peter Trummer).

Karl A. Immervoll, Heinrichsheim, NÖ, Theologe, Schumacher und Musiker,
Referent für Liturgie am Seminar für kirchliche (PastoralassistentInnen) Berufe
in Wien o.k., Offene Kirche, St. Pölten, 11/November 2003