Firmung im Jugendalter gefordert
Austritts- oder Eintrittssakrament?
Auszüge aus einer Eingabe des Naturnser Dekans Georg Peer an den Pastoralrat
Die
Firmung soll, laut Konzilsdokument Lumen Gentium Nr. 11, die
Gefirmten „zu einem christusähnlichen Leben in der
Pfarrgemeinde" und zu „Zeugen Christi" befähigen. Nüchtern
beobachtet muss man aber allzu häufig feststellen, dass die
Kinderfirmung zu einer Verabschiedung von „Kirche" geworden ist.
Auf die Forderung, die Firmung im „Mündigkeitssakrament" erst ab dem 17. Lebensjahr anzubieten, kommt spontan und fast immer die erschrockene Gegenfrage: „Ja, wer lässt sich denn da noch firmen?" Im Klartext heißt das: Glaube, christliche Lebensgestaltung usw. sind heute doch nichts mehr für junge moderne Menschen! Überspitzt formuliert: Die Wertschätzung von „Christ sein" ist in unserer Gesellschaft auf das Schnullerniveau gesunken!
Die Firmung hat sich in der Praxis vom „Eintrittssakrament" zum „Austrittssakrament" gewandelt. Aus dem einstmals geschlossenen System „Volkskirche" hat sich eine unüberschaubare plurale Gesellschaft entwickelt, in der nur besteht, wer ganz persönlich seine eigene Lebenslinie gefunden hat, die er begründen und deshalb überzeugt vertreten und leben kann. Die religiöse Landschaft im angebrochenen 3. Jahrtausend hat sich völlig verändert. Es ist der „neue Wein". Anstatt dafür um neue Behälter Ausschau zu halten, reagiert unsere Pastoral mit Ängstlichkeit und zähem Festhalten an Formen, die – nüchtern betrachtet – nicht mehr greifen, bzw. den ungestüm gärenden Wein nicht mehr halten können. Das betrifft in besonderer Weise das Sakrament der Firmung. Die Kirche muss heute ihren Kindgetauften die freie Wahl der Weltanschauung und Religion einräumen und diese respektieren.
Für die Kirche ist die Firmung allerdings als „Schlüsselsakrament" zu bezeichnen. Sie bietet alle Voraussetzungen, eine mehr oder weniger unbewusst übernommene Botschaft auf die Höhe einer bewusst angenommenen, persönlich verantworteten und praktizierten Glaubenshaltung zu bringen. Alle weiteren Sakramente, die ein Christ oder eine Christin empfängt, erhalten erst von daher ihre „Seele". Ein automatisches Hineinwachsen in den Glauben der Kirche ist heute nicht mehr gegeben.
Aber auch auf dem hier geforderten Weg des Empfangs der Firmung im Volljährigkeitsalter (ab 17!) ergibt sich die Frage nach der Effizienz. Werden wir auf diesem Wege mehr und „bessere" Christinnen und Christen gewinnen? Darum geht es in erster Linie nicht. Hat die Kirche ein Interesse an einem gesunden Nachwuchs, dann trifft es zuerst sie, den Weg dahin den zeitgerechten Erfordernissen entsprechend herzurichten. Nicht was sie bekommt, darf die Kirche zuerst fragen, sondern was sie den durch Taufe bereits auf den Weg gebrachten Nachwuchschristen schuldig ist.
Nach einer Heraufsetzung des Firmalters auf die Volljährigkeit befürchten manche eine Frontenbildung von Gefirmten gegen Nichtgefirmte und umgekehrt, weil es dann Christen erster und Christen zweiter Klasse geben würde. Dieser Gefahr ist vorgebeugt durch die kirchenrechtlich nicht entscheidende Position der Firmung, d. h. zum Empfang aller anderen Sakramente, bis auf das Weihesakrament, genügt als Voraussetzung die Taufe allein. Dadurch ist kein getaufter Christ von einem weiteren Sakramentenempfang ausgeschlossen und keineswegs in eine Außenseitenrolle gedrängt. Er bleibt formal Christ wie jeder Gefirmte.
Ich gehe absolut nicht davon aus, dass die dargelegte Ansicht die allein richtige wäre. Ich stelle nur fest, dass keine schlüssigen Gegenargumente vorgebracht werden (können), außer jenem, dass die Kinderfirmung Tradition ist, einfacher, leichter zu handhaben und dazu quantitativ eine ziemliche Vollzähligkeit des Empfanges gewährleistet. Dazu aber auch folgende Überlegung: Die unmissverständlichste Sprache der Liebe ist das Opfer. Wenn von vorneherein jedes Opfer gescheut wird, welche Wachstumskraft für den Glauben unserer Babygetauften soll dann entstehen?
Übrigens: Ist das so sicher, dass die Hinführung von schon einigermaßen erwachsenen Jugendlichen zur Annahme der Botschaft so schwierig ist? Im deutschen Ausland gibt es bereits viele erprobte Modelle. Noch gibt es auch in unseren Gemeinden große Glaubenskraft. Warum vertraut man darauf so wenig und fordert sie nicht heraus? Den Kinderfirmlingen wird immer groß von den Gaben des hl. Geistes gesprochen, von seinem Beistand und von seiner kraftvollen Erneuerungswirkung. Im Leben jedoch vertraut diese Kirche weit mehr ihren Strukturen und den aus einer vergangenen Zeit überbrachten, heute jedoch leergelaufenen Seelsorgemethoden.
Zu dieser Eingabe fühle ich mich genötigt, weil es ungleich schwieriger ist, Eltern und Kinder von der Notwendigkeit des dargelegten Weges der Jugendfirmung zu überzeugen, solange es im weiten Umfeld nur eine Pfarre gibt, die sich dazu entschlossen hat. Was uns - den Arbeitskreis Jugendfirmung und den PGR von Naturns und viele persönlich überzeugte Eltern unserer Gemeinde - in unserem verzweifelten Alleingang in punkto Jugendfirmung geistig rettet, ist der Blick auf die Relativität aller unserer gescheiten und weniger gescheiten Verkündigungsmethoden. Wir wissen, dass sich die Bauleute vergebens bemühen, wenn der Herr nicht das Haus baut. Zugleich kennen wir auch die Parabel von den Talenten, die man nicht vergraben soll.
Pfarrer Georg Peer, Naturns