Der Friede ist erklärt

Bilder vom 15. Februar 2003, dem Tag der weltweiten Friedensdemonstrationen

1. Bild: Viele. Wie viele? Wo?

Der Tag geht in die Geschichte ein. Noch nie haben so viele Menschen rund um die Welt den Frieden erklärt.

In Rom: 1 Million? 3 Millionen? Angereist mit 26 Sonderzügen und 1300 Bussen. Den Medien bleibt nur die Spekulation über die Zahlen. Selbst das Schätzen ist nicht mehr möglich. Rom kann die Menschen nicht fassen, der Demonstrationszug muss lange vor der Zeit losziehen, damit sich ein zweiter formieren kann.

Dazu gleichzeitig auf den Straßen und Plätzen der Hauptstädte der Welt: 50 Millionen? 70 Millionen? 100 Millionen? Mehr? London: 1 Million, Berlin: mehr als 1989, New York: 300.000 - 500.000! Dann: andere Städte der USA (wer sagte gerade, ganz USA stehe geschlossen hinter Bush?), Melbourne, Islamabad, Tel Aviv, Rio, Kiew, Tokyo, Wien, Amsterdam, Madrid, Kapstadt ... 60 Hauptstädte zählt Indymedia auf. Wie viel Menschen? Und in Vertretung von wie vielen, die nicht auf den Plätzen sind? Was sollen da genaue Zahlen, Statistiken?

2. Bild: Wer?

We, the people. Das Volk, die zivile Gesellschaft. Menschen des Alltags. BürgerInnen dieser Einen Welt. GestalterInnen der Geschichte, hoffentlich. Die Globalisierung von unten endlich unübersehbar. Noch einmal Rom: „La liberazione dall’incubo della guerra, un risveglio collettivo ...la voglia di contare e dichiarare la pace." So titelt Il Manifesto und trifft wohl ins Schwarze.

Menschen, aus allen Schichten, mit unterschiedlichsten Weltanschauungen, jeglicher Zugehörigkeit. Bunt und vielfältig wie das Leben. Alltagsgesichter, No-Global-Organisationen, StudentInnen, Ordensschwestern und Priester, Kommunisten, Prominenz aus Film und Musik, RentnerInnen, Extracomunitari, Vereine, Verbände, Social Forums, Gläubige aller Religionen, ungehorsame Bürgermeister von 1000 Gemeinden, Ex-Staats-präsident Scalfaro („Wer Ohren hat, muss diese Botschaft hören"), Politiker unterschiedlichster Ränge, Familien, Gewerkschaften, Frauen, Namenlose, usw., usw. Auch aus Südtirol 700 TeilnehmerInnen, angereist mit Sonderzug und Bussen. In Tel Aviv: mehr als 3000 Juden und Araber gemeinsam, vielleicht das eindrucksvollste Bild des Tages.

3. Bild: Wie?

Die Regenbogenfahne als Symbol, die Un-Fahne, die Anti-Flagge, die keine Identifikation, kein Lager, keine Zugehörigkeit zulässt, außer Dialog und Frieden bei allen Unterscheidungen.

Fantasie (Make tea, not war!), Musik, Lieder, Tanz, Theater, Freude, Farben. Feststimmung, gewaltfrei, ohne Aggressivität, hoffnungsvoll und positiv, aber auch sehr klar und direkt in der Aussage: NEIN zum Krieg - ohne Wenn und Aber! Frieden nicht allgemein und theoretisch, sondern konkret und sofort. Weg mit dem Krieg aus der Geschichte, aus der Welt. Und auch: Trotz mitmarschierender Prominenz gibt es keine Kings. Jedes Gesicht hat dieselbe Würde, dieselben Rechte.

In Bozen: StudentInnen liegen auf dem Pflaster der Museumstraße, rote Farbe erinnert an Blut. Passanten bleiben stehen, angeregte Gespräche entstehen. Menschen mit umgehängten Regenbogenfahnen gehen durch die Straßen, als gehörte diese Art Umhang zum Alltag.

Am Nachmittag der „Dialog-marsch" vom „italienischen" Matteottiplatz zum „deutschen" Waltherplatz ,angeregt von den „südtirolerischen" Muslimen aus allen Ländern zwischen Marokko und Indien.

In Meran: Hundert und mehr bunte Fahnen auf der Kundgebung am Kornplatz. Gut 500 Menschen. Dazwischen Jongleure, Stelzengeher, bemalte Gesichter. Das Wort „Frieden" als Sonne in den Sprachen der Welt. Auch hier zählt die lokale Politikerprominenz nicht mehr als die TeilnehmerInnen. Jede/r Anwesende ist HauptdarstellerIn.

4. Bild: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit."

Den Spruch hat der Friedensforscher Johan Galtung geprägt. Die Regierung Berlusconi verbietet die Direktübertragung des Friedenstages durch das Fernsehen. Ich stelle beide Tatsachen gegenüber und schließe daraus: Wir sind im Krieg. Nur, diesmal ist die Wahrheit so stark, dass sie nicht geopfert werden kann. Der Frieden ist erklärt! Die Erklärung ist allen offensichtlich! Vielleicht stoppt sie diesen Krieg nicht, aber daran kommt niemand mehr vorbei: Die Mehrheit der Weltbevölkerung will ihn nicht! Und sagt es! Das ist neu in der Geschichte.

Es liegt jedenfalls an Ihnen, an uns allen, dafür zu sogen, dass die Wahrheit des Friedens sich durchsetzt. Das ist möglich, dieser 15. Februar hat es gezeigt: Bush und Co., Saddam Hussein und Bin Laden mit eingerechnet, gehören einer Minderheit an! Und die Geschichte bestätigt uns die Kraft der Friedenserklärungen von unten in mehr als einem Beispiel.

Hermann Barbieri, Brixen
OEW Rundbrief, März 2003