Literarische Seite

José Saramago

Das Evangelium nach Jesus Christus

„Jesus stirbt, stirbt hin ...“

Der Kreuzestod Jesu, die Frage nach der Auferstehung wird offen gelassen, steht am Beginn und am Ende des 500-seitigen Romans des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago. Innerhalb dieses Rahmens entfaltet sich das Leben Jesu mit dem Hauptaugenmerk auf die Bereiche Familie, Beruf und Berufung. Erst allmählich erfährt Jesus von seiner Gottessohnschaft und von seinem göttlichen Auftrag. Die uns aus dem Neuen Testament bekannten Begebenheiten aus dem Leben

Jesu kommen nur teilweise vor, und wenn, dann nur am Rande der Erzählung. Saramago rückt den Menschen Jesus in den Vordergrund: mit seinen Fragen, mit seinen Ängsten und Zweifeln, ja sogar mit seinem Hadern mit Gott. 

Wer den Autor Saramago kennt (Die Stadt der Blinden, Das Memorial uvm.) weiß um seine faszinierende Sprachkunst: unendlich lange, in sich verschachtelte Sätze, die Bilder voller dichten Lebens in den Köpfen der Leserinnen und Leser entstehen lassen. Der Roman ist ein Lesevergnügen voller sprachlicher Schätze. 
Dieser siebente Roman von Saramago, 1991 im Original erschienen und 1993 auf deutsch übersetzt, wurde in Portugal heftig diskutiert und sogar wegen angeblicher Verletzung religiöser Gefühle von der Vorschlagsliste für den Europäischen Literaturpreis gestrichen. In meinen Augen völlig zu Unrecht. “Das Evangelium nach Jesus Christus“ ist eine literarische Neuschöpfung, keine Neufassung eines der Evangelien. Theologisch gesehen stellt der Roman die menschliche Natur Jesu in den Vordergrund und fordert dazu heraus, die Einheit von göttlicher und menschlicher Natur in Jesus immer wieder neu zu reflektieren. Vielleicht kann der Roman auch eine Anregung sein, die Evanglien des Neuen Testamentes mit anderen Augen zu lesen. 

Gelesen und empfohlen von Lisa Hammer

Leseprobe:

Jesus stirbt, stirbt hin, schon will ihn das Leben ganz verlassen, plötzlich tut sich über seinem Haupt der Himmel weit auf, Gott erscheint, gekleidet wie im Boot, er spricht, und seine Stimme hallt über die ganze Erde, er spricht, Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden. Da begriff Jesus, dass er so hinter das Licht geführt worden war, wie man das Lamm zur Opferbank führt, dass sein Leben und Sterben seit aller Anfänge Beginn vorgezeichnet gewesen war, ihm fiel ein, welch ein Strom an Blut und an Erleiden von ihm ausgehen und die ganze Welt schwemmen wird, und in den offenen Himmel auf, wo Gott lächelte, schrie er, Menschen, vergebt ihm, denn er weiß nicht, was er getan hat. Dann starb er hin, mitten in einem Traum, er sah sich in Nazareth, den Vater, der die Schulter hob und ebenfalls lächelte, hörte er sagen, Ich kann dir nicht alle Fragen stellen und du mir nicht alle Antworten geben. Noch war in ihm ein Rest Leben, da Spürte er, wie ein in Essig getränkter Schwamm seine Lippen berührte, er schaute abwärts und sah einen Mann sich entfernen, mit einem Eimer, und über der Schulter ein Rohr. Schon nicht mehr sah er, auf die Erde gesetzt, den schwarzen Napf, in den sein Blut tropfte.

José Saramago, Das Evangelium nach Jesus Christus
(„O Evangelho segundo Jesus Cristo", Deutsch von Andreas Klotsch),
rororo 22306, ca. 10 €.