Kalachakra in Graz

Ein Fest der Versöhnung aller fühlenden Wesen

Seine Heiligkeit der Dalai LamaVom 12. bis 22. Oktober 2002 leitete Seine Heiligkeit der Dalai Lama in Graz das Kalachakra-Ritual. Dieses komplexe Ritual beschreibt die drei Zyklen der Zeit: Entstehen, Sein und Vergehen der äußeren Bereiche, der Jahres-, Tages- Planetenzyklen und deren Spiegelung in der innerpersönlichen menschlichen Erfahrung. Alles was entsteht, wird im Kalachakra als bedingt durch das Karma gesehen. Daher bezieht es sich nicht nur auf die Herstellung des äußeren, sondern auch des inneren Friedens durch die Überwindung von Unwissenheit, Hass und Begierde. Die alternativen Zyklen schließlich sollen helfen, das bereits angehäufte Karma zu überwinden.

In jeweils vier Stunden dauernden Zeremonien (Saddhanas) bereiteten in den ersten Tagen die Mönche den Boden und den Raum für das Kalachakra vor. Tänzer in den originalen Kostümen schufen mit gemessenen Bewegungen den Schutzkreis. Am 3. Tag wurden die Umrisse des Mandala erstellt und die Farben gesegnet. Während der Saddhana des „Mandalas des Geistes" am Vormittag und der Vorträge der Linienhalter der einzelnen buddhistischen Richtungen am Nachmittag schufen Mönche aus feinstem Sand das farbige Mandala. Dessen Entstehung wie auch die Vorträge und Belehrungen des Dalai Lama konnten die Anwesenden über einen Großbildschirm verfolgen.

Einen weiteren Höhepunkt bildeten die Ritualtänze am 7. Tag. Auf dem Podium sangen die Mönche mit ihren tiefen Stimmen, begleitet von Hörnern und anderen Instrumenten, während sich aus der Halle kommende tibetische Tänzer und Tänzerinnen zum Klang einer einfachen Fidel unter dem Podium bewegten. Als schließlich noch eine steirische Volkstanzgruppe mit der Harmonika eintraf, wurde die Messehalle selbst zum vereinfachten Kalachakra mit seinen verschiedenen Ebenen und Dimensionen.

Die nächsten Tage galten der Einweihung der Schüler in die Meditationspraxis des Kalachakra. Seine Heiligkeit der Dalai Lama hielt die entsprechenden Belehrungen. Er legte besonderen Wert auf die Motivation der Schüler, die nicht nur zu ihrer eigenen Befreiung, sondern zu der Befreiung aller fühlenden Wesen durch ihre Praxis beitragen sollten, indem sie Mitgefühl, Achtsamkeit und die Einhaltung ethischer Normen gelobten. Am 11. Tag schließlich fand noch eine Langlebenszeremonie für alle Teilnehmer und den Dalai Lama statt. Als Zeichen der Vergänglichkeit wurde das Mandala zerstört und sein Sand bei einer letzten Zeremonie in die Mur geschüttet.

Ich wage zu behaupten, dass den meisten Besuchern der komplexe Inhalt des Rituals verschlossen blieb. Was aber ganz sicher die Herzen der Teilnehmer erreichte, waren die Lebendigkeit und Einfachheit, die aus jeder Geste seiner Heiligkeit sprachen, sein Humor ebenso wie seine Klarheit und Genauigkeit, was die Belehrungen betraf.

Seine Präsenz wie die Sorgfalt und Wachheit seiner Mönche schufen in dieser kaum fertiggestellten Riesenhalle einen sakralen Raum, dessen Atmosphäre sich die Besucher nicht entziehen konnten und dessen Stille und Gelassenheit bis in die Tramways und Gasthäuser hinein fühlbar wurde. Ein Hauch des Mitgefühls lag über der Stadt und zauberte ein Lächeln in die Augenwinkel der Menschen.

Dass man sich näher kam, zeigte sich auch beim interreligiösen Treffen auf dem Grazer Burgberg, an dem Muslime, Juden und Christen teilnahmen. Seine Heiligkeit der Dalai Lama erklärte dann auch, dass seine Bemühungen, die verschiedenen Religionen in eine gemeinsame Verantwortung für Menschen, Welt und Natureinzubinden, wohl erfolgreicher gewesen seien als seine politischen Anstrengungen für Tibet.

Damit sind wir beim Thema Tibet, das sich am Rande des Rituals auf eine vielfältige Weise darstellte. In Halle 12 traf man auf Ausstellungen über das derzeitige Leben in Tibet, auf neue Filmprojekte zu diesem Thema, auf tibetische Händler, Gastwirte und natürlich auf eine Vielzahl von Hilfsprojekten, die meist in Zusammenarbeit von tibetbegeisterten Europäern mit einem Lama oder Kloster entstanden waren. So werden Schulen, Klöster und Handwerksbetriebe unterstützt, Hilfe zu Selbsthilfe unsererseits angeboten, während die tibetischen Lamas spirituelle Unterweisungen und Meditationstechniken in den Westen vermitteln.

In guten Zeiten sorgte der Buddhismus für ein friedliches Miteinander. Das bestätigte auf eine sehr eindrückliche Weise Heinrich Harrer, dem während der Veranstaltung zusammen mit Petra Kelly die höchste Auszeichnung für seine Unterstützung der vertriebenen Tibeter verliehen wurde. Nach der Vertreibung waren es der Dalai Lama und seine Lamas, die auf eine friedliche Weise ihr politisches Recht einforderten, aber auch fähig waren, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf Tibet zu lenken und konkret beizutragen, den nie versiegenden Flüchtlingsstrom auf eine menschenwürdige Weise zu lenken und dadurch vielen Tibetern einen neuen Start zu ermöglichen.. Es gelang sogar, die kulturellen Traditionen weiter zu pflegen und die Ausbildung der Mönche zu garantieren. Dabei kamen sie nicht mit leeren Händen, sondern brachten einen gelebten Buddhismus mit, der im Westenwegen seiner philosophischen Klarheit und seiner, vielen „geschickten Mittel" (meditative Praktiken) auf dankbare Abnehmer stieß. Das Erfreuliche daran ist, dass er keinerlei Anspruch auf Einzigartigkeit erhebt und dass gerade der Dalai Lama auch in Graz wieder darauf hingewiesen hat, dass es gut sei, die persönliche religiöse Tradition beizubehalten und mit Leben zu erfüllen.

Genau dies taten die buddhistischen Mönche in Graz. Ihre Sammlung und Ausdauer mag wohl manchen lauen Christen nachdenklich gestimmt haben. So waren diese Tage rasch verflogen und hinterließen einen ganz besonderen Eindruck. Freilich haben dazu die großzügige Gastgeberstadt Graz und ihr offener Bürgermeister beigetragen, das Organisationsteam, das drei Jahre diese Großveranstaltung sorgfältig vorbereitet hat und die: vielen freundlichen und hilfsbereiten freiwilligen Helfer.

Gertrud Reger, Terlan
OEW Rundbrief, 12, 2002