Zwei Arten von Priestern?
Ein nachdenkenswerter Vorschlag zweier Theologen Laienvorstände offenbar nicht gefragt
„Lieber Gott, du hörst unser Lob, unseren Dank und unsere Bitten, das Gesagte und all das Ungesagte ..." So oder mit ähnlichen Worten schließe ich unser gemeinsames Bibellesen und das Abendgebet beim wöchentlichen Gemeindeabend der Basisgemeinde Frankfurt am Main ab. Bis zum Sommer habe ich, zufällig gemeinsam mit einem Priester und Theologieprofessor, für rund ein Jahr lang die gut einhundert engagierten Mitglieder der Basisgemeinde koordiniert. „Geleitet" würden die Vertreter der bischöflichen Amtskirche dazu wohl sagen.
Ich
bin kein Priester, wollte nie einer sein, und meine Erfahrung seit 1975 als
basisgemeindlicher Katholik ist: Es braucht für die Gemeindegründung und
-leitung keinen Priester, zumal wenn eine Gemeinde ihren Betreuten-Status
überwindet, sich vom Herdendasein verabschiedet und vom Objekt der Seelsorge
bewusstermaßen zu deren Subjekt wird. Es gibt ohnehin in den Kirchen leider
allzu viel von jener Priesterei, von der im Neuen Testament nur wenig die Rede
ist.
Jedenfalls wird in meiner Basisgemeinde seit einem Vierteljahrhundert die Gemeindeleitung befristet per Wahl und Vertrauenserklärung von Seiten der Gemeindeversammlung an zwei Frauen oder Männer vergeben. Wir sind gut gefahren damit. Das sieht wohl auch unser Bischof so, der uns regelmäßig wie all seine Gemeinden besucht. Franz Kamphaus aus Limburg.
Gleichwohl: Im Gros der römisch-katholischen Kirche meinen die meisten, der Priestermangel sei eine bedrohliche Not. Deshalb haben intelligente Vorschläge Hochkonjunktur, wie denn dem Priestermangel abzuhelfen sei, der in der römisch-katholischen Kirche aus dem - unbiblischen - Ehelosigkeitszwang, dem Pflichtzölibat. resultiert.
Fritz Lobinger, aus Passau gebürtiger Bischof der südafrikanischen Diözese Aliwal, und der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner wagen sich vor. In einem Artikel des
Freiburger Christ in der Gegenwart schlagen der bischöfliche Praktiker und der priesterliche Theoretiker gemeinsam vor, vom Völkerapostel Paulus zu lernen. Motto: "Pauluspriester – Korinthpriester". Lobinger und Zulehner kritisieren die übliche „raum-pflegerische" Priestermangelverwaltung, die nach dem Vorbild des Bistums Besancon nun in den deutschsprachigen Diözesen unter verschiedenen Etiketten ins Werk gesetzt wird: Kirchenarbeit wird um die sinkende Zahl von Priestern herum organisiert.
Doch solche Mogelpackungen halten nur wenige Jahre vor, da die Zahl der Priester weiter sinkt. Furcht vor dem Papst und seinen polnischen Priesterdenkverboten spricht aus dieser Flickschusterei der Bischöfe: Die wenigen Priester werden dabei leicht verheizt, und die Gläubigen kennen vom Pfarrer in Zukunft vornehmlich die roten Rücklichter seines davonbrausenden Autos.
Der Vorschlag von Lobinger und Zulehner lautet: Bei Paulus habe es zwei Sorten von Priestern gegeben, den reisenden, sein Leben riskierenden ehelosen Gemeindegründer und „Pauluspriester" Paulus sowie die stets im Team agierenden, verheirateten Presbyter und Ältesten der Gemeinden, die ortsfesten „Korinthpriester". Beide Arten von Priestern gelte es wieder zu schaffen - nach dem Vorbild der mit dem Papst verbundenen griechisch-katholischen Kirche. Deren Weltpriester sind zu 97 Prozent verheiratet. Priestermangel gibt es nicht. Bischof wird jedoch nur, wer auf die Ehe verzichtet.
Gegen den Vorschlag von Lobinger und Zulehner spricht, dass die beiden geistlichen Vordenker Paulus und seinen dynamischen Gemeinden die Klerus-Struktur überstülpen. Die unselige Spaltung in Klerus und Laien zog erst später in der Kirche ein. – Für den Vorschlag spricht seine „ostkirchliche" Realitätsnähe sowie die Tatsache, dass Lobinger und Zulehner die Tür für Frauen, für Priesterinnen, öffnen wollen.
Thomas Seiterich-Kreuzkamp,
Publik-Forum, Nr. 21, 8.11.2002