Prostitution
Andere Wirklichkeiten
Menschenwürde ist gefragt, meint die Autorin des Buches „Verkaufte Liebe" Christine Losso
Impulse:
Was ist Ihnen, Frau Losso, durch die Interviews mit den Prostituierten,
durch das Schreiben des Buches bewusst geworden?
Christine Losso: Mir ist bewusst geworden, dass es viele Realitäten gibt, praktisch Wirklichkeiten in der Wirklichkeit, und dass diese nicht ausgeschlossen werden sollen und dürfen, nur weil wir selbst sie nicht kennen (oder nicht kennen wollen). Durch das Schreiben des Buches habe ich sehr viele Dinge, die ich bis dahin nicht gekannt habe, dazugelernt und in einem anderen Licht gesehen, ich habe einmal mehr das Verständnis für viele Lebenssituationen gewonnen und die Erkenntnis, nichts ausschließen zu dürfen.
Impulse: Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die Prostitution?
Christine Losso: Es gibt ein Sprichwort, das sagt: wo die Nachfrage, da das Angebot. So auch bei der Prostitution. Wären da nicht die Männer, die sich ihrer bedienen, gäbe es dort nicht die Frauen, die sie anbieten und davon leben können oder müssen. Um auf den wirklichen Grund zu gehen, muss man wahrscheinlich die Unterschiedlichkeit der Geschlechter in der Sexualität anerkennen. Den Mann betrachte ich als Wesen, der die Sexualität meist in den Mittelpunkt seines Denkens stellt, vergleichbar mit einem Schnellkochtopf, der dauernd am Sieden ist. Wenn er nicht ab und zu Druck ablassen kann, geht der Deckel hoch und geschieht das nicht daheim, sucht er oft nach anderen Lösungen.
Impulse: Wie stehen Sie zum Phänomen Prostitution? Soll sie bekämpft, eingedämmt oder in geregelte Bahnen gelenkt werden?
Christine Losso: Laut neuem Staatsgesetz ist die Straßenprostitution zu gegebenem Zeitpunkt bereits verboten, Freier werden bestraft und Freudenmädchen droht gar Gefängnis, sofern sie auf der Straße erwischt werden. Ich bin der Meinung, dass Prostitution in geregeltere Bahnen gelenkt werden sollte, da sie fast immer auf Kosten der Protagonistinnen selbst, also der Frauen geht. Wie wir wissen, gibt es auch hier wieder Männer, im Jargon "Zuhälter" genannt, die sich mit diesem Gewerbe eine goldene Nase verdienen. Frauen und Mädchen werden vielfach ausgebeutet und haben nur den „Wert", den sie als „Ware" erwirtschaften. Das ist sehr traurig und aberkennt den Frauen jegliche Würde.
Impulse: Wie könnte eine sinnvolle Regelung für Prostitution bzw. für die Frauen aussehen?
Christine Losso: Frauen sollten sich zusammentun und eine Art Gemeinschaft gründen können, in der sie ohne Zuhälter in Ruhe und unter Wahrung der verschiedensten Kontrollen, wie ärztliche Untersuchungen etc. in einer geschützten Wohnung „arbeiten" können. Ihre „Arbeit" sollte als normale Dienstleistung angesehen werden, die versteuert wird, als Gegenleistung sollte den Mädchen Krankenversicherung und Rente geboten werden. Dies dürfte sich auch für den Staat auszahlen, da eine Prostituierte, wie man weiß, nicht schlecht verdient. Frauen, die gegen ihren Willen auf der Straße arbeiten müssen oder mussten, sollte die Rückkehr in ein normales Leben ermöglicht werden. Ausländerinnen, die wider Willen geholt und auf den Strich geschickt werden, sollte schnell und unbürokratisch geholfen werden, damit sie wieder nach Hause können.
Impulse: Was sollten und könnten die Kirchenleitung und die Pfarrgemeinden für Prostituierte tun?
Christine
Losso: Zuallererst
sie nicht diskriminieren und verachten, denn wie sich immer wieder
herausstellt, sind oft gerade die „braven" Kirchgänger und laut
„meiner" Luna zu 80 Prozent die „glücklich" verheirateten
Männer und Familienväter die besten Kunden. Luna sagt immer, dass sie
und ihre Kolleginnen die besseren Sozialarbeiterinnen sind, als die
Kirche und der Staat zusammen. Die Pfarrgemeinden könnten den Mädchen
helfen, menschenwürdig zu leben und ihnen Alternativen anbieten, um ein
„normales" Leben führen zu können.
Impulse: Welche Reaktionen hat es auf das Buch gegeben?
Christine Losso: Neben einigen „eigenartigen" Reaktionen von vielleicht betroffenen Männern, die wahrscheinlich glauben, sich im Buch wiedererkannt zu haben, und einigen Buchhandlungen, die das Buch entweder gar nicht oder nur verstohlen hinter irgendwelchen Ecken anbieten, durchwegs positive. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht von Frauen und von Männern darauf angesprochen und in oft sehr interessante Diskussionen verwickelt werde. Wie man sieht, gibt es also enormen Nachholbedarf diesbezüglich und ich betrachte es als Riesenglück, dass es mir gelungen zu sein scheint, wieder einmal ein Thema aufgegriffen zu haben, für welches das Volk längst reif ist, einige Medien und Vertreter von Institutionen, Partei en oder Verwaltungen leider aber noch lange nicht.
Impulse: Danke für das Gespräch.
Interview: Robert Hochgruber