Großer Theologe und Mensch

Herbert Haag ist tot

Die Reformkräfte in der Kirche trauern um den international renommierten Bibelwissenschaftler Prof. Dr. Herbert Haag, der am 23. August letzten Jahres nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren in Luzern (Schweiz) gestorben ist.

Sein Dienst galt ungeteilt der Kirche, ihrer Reform und ihrem Buch, der Bibel. Eine Kirche mit dem Anspruch der Katholizität wird auf seine Ideen und Forschungsergebnisse nicht verzichten können, betonte Christian Weisner von Wir sind Kirche Deutschland. Wissenschaftlich wie menschlich gehöre Herbert Haag zu den großen Theologen des 20. Jahrhunderts.

Als Alt-Testamentler hat er sich mit seinem kritischen Bibelverständnis international einen Namen gemacht. Bekannt wurde Haag vor allem durch seinen Disput mit der Amtskirche über die von ihm bestrittene Existenz des Teufels. Als äußerst profunder Bibelkenner hat Haag sich stets für eine entklerikalisierte Kirche eingesetzt. Er forderte ein neues, am Evangelium orientiertes Kirchenrecht, das die Zwei-Stände Struktur überwindet und der Gleichheit der Geschlechter entspricht. Haag wies nach, dass das Priesteramt weder biblisch noch dogmatisch begründet werden kann und dass Jesus keine Kirche gründen wollte und auch keine Sakramente eingesetzt hat.

Herbert Haag wurde am 11. Februar 1915 geboren und 1940 zum Priester geweiht. Nach seiner Seelsorgetätigkeit in Luzern lehrte er von 1948 bis 1960 an der dortigen Theologischen Fakultät. 1960 bis 1980 war Haag Professor für Altes Testament an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und stand zehn Jahre dem Katholischen Bibelwerk in Deutschland vor.

1985 gründete er die "Herbert Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche". Zu
den bisherigen Preisträgern gehören u.a. der katholische Befreiungstheologe Leonardo Boff (1985), der Paderborner Theologe Dr. Eugen Drewermann (1992), Bischof Jacques Gaillot (1994), die Kirchenvolksbegehren Österreichs und Deutschlands (1996) sowie der Schweizer Katholische Frauenbund und der Verein der vom Zölibat betroffenen Frauen (ZöFra) in der Schweiz (2001).


Umstrittene Bücher

1966 erschien sein Buch "Biblische Schöpfungslehre und kirchliche Erbsündenlehre", in dem er klar stellte, dass es unbiblisch und daher absolut ausgeschlossen sei, dass Neugeborene Sünder seien. Dies brachte ihm mit der Glaubenskongregation des Vatikans einen zehnjährigen Prozess ein, der jedoch - auch durch Mithilfe seines damaligen Tübinger Professorenkollegen Joseph Ratzinger - zu seinen Gunsten ausging.

In dem 1997 veröffentlichten Buch "Worauf es ankommt" (siehe Impulse 3/1999) wendet sich Haag gegen eine "Zwei-Stände-Kirche" von Klerikern und Laien: "Vierhundert Jahre lang waren es nach unserem Sprachgebrauch Laien, die der Eucharistie vorstanden. Dies zeigt, dass ein sakramental geweihter Priester nicht erforderlich ist und weder biblisch noch dogmatisch begründet werden kann" schreibt Haag. Weiters: "Priestermangel, Gemeinden ohne Eucharistie, Zölibat, Frauenordination bezeichnen die Probleme, die zwar nicht allein, aber doch weitgehend die gegenwärtige Not der katholischen Kirche bestimmen. Die Krise der Kirche wird so lange andauern, wie sich diese nicht entschließt, sich eine neue Verfassung zu geben."

Über sein neuestes Buch "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" haben wir in den Impulsen 2/2001 berichtet. Darin forderte Haag ein neues, am Evangelium orientiertes Kirchenrecht, das die Zwei-Stände Struktur überwindet und der Gleichheit der Geschlechter entspricht. Haag bekräftigt in dem Buch, dass Jesus weder eine Kirche gründen wollte noch ein kirchliches Amt geplant und auch keine Sakramente eingesetzt habe. "Gerade Taufe und Abendmahl sind nicht von Jesus eingesetzt, sondern von der Kirche." Darum kann auch die Kirche bestimmen, "unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen die Sakramente gespendet werden dürfen. ... Die Kirche hat somit die Vollmacht, zu erklären, auch ein Laie könne der Eucharistie vorstehen".

Breite Unterstützung aus dem Kirchenvolk erhielt Herbert Haag, als ihm der Basler Bischof Kurt Koch 1997 ein Predigtverbot in Eucharistiefeiern auferlegte und Anfang 2000 die Schweizerische Bischofskonferenz vor seinen "kirchlich und wissenschaftlich unhaltbaren Thesen" warnte, die zu "kirchenspaltenden Verhaltensweisen" aufrufen würden. Der "Schweizer Beobachter" hat Haag mit dem Bürgerpreis Prix Courage 2000 ausgezeichnet.


Ein persönlicher Nachruf

Ich habe Herbert Haag leider nie persönlich kennengelernt. Etwas von seiner großartigen Menschlichkeit konnte ich jedoch verspüren. Bei Anrufen sagte er meist als erstes: "Wenn sie anrufen, geht die Sonne auf".

Wir hatten schon 1998 versucht, Herbert Haag für zwei Vorträge in Südtirol zu gewinnen. Und er hatte auch zugesagt. Dann erlitt er bei der Verleihung des Herbert-Haag-Preises an die Zeitschrift "Kirche Intern" in Innsbruck einen Herzanfall. Als er genesen war, rief ich ihn erneut an. Er versprach, die Reise nach Südtirol zu versuchen, wenn die Probleme für ihn und für uns nicht allzu groß wären.

"Ein Brief aus Brixen ist immer eine besondere Freude" und "mit Genuss und Bewunderung" habe er die Impulse gelesen, schrieb er im Januar 2001. Unsere Einladung sei immer wieder verlockend. Dann legte er - einfach so - 1000 Schilling bei, da er in den Impulsen die Bitte um Spenden gelesen hatte.

Er war ein Theologe mit Humor, er ließ sich das Denken nicht verbieten und strahlte die Menschenfreundlichkeit Gottes aus.

Robert Hochgruber