Ansichten eines Altbischofs
Göttlicher
Auftrag und menschliches Gesetz
liegen
so weit auseinander wie Himmel und Erde
Der
Kontakt von Mensch zu Mensch ist und bleibt im Wirken der Kirche das Wichtigste.
Davon gab sich der Innsbrucker Altbischof Reinhold Stecher am 22. Dezember in
der ORF-Hörfunkreihe "Im Journal zu Gast" überzeugt.
In
einer zunehmend technisierten und entpersonalisierten Gesellschaft müsse die
Kirche darauf achten, "in ihrer Form des Tätig seins persönlich zu
bleiben".
Das
gilt laut Stecher besonders auch für die Priester. Wegen des Priestermangels kämen
die Geistlichen in hiesigen Breiten zunehmend unter Druck, nur mehr von einer
liturgischen Verpflichtung zur nächsten - Messen, Sakramente, Segnungen - zu
eilen. Das entspreche nicht der "menschlichen Struktur der
Sakramente"; diese bräuchten den menschlichen Kontakt, er sei das
"Fundament der Seelsorge". Aber auch die Priester selbst litten, wenn
sie erleben, "dass sie die persönlichen Kontakte immer mehr vernachlässigen
müssen". "Da muss ein Umdenken erfolgen", so der Bischof.
Für
verheiratete Priester und Weiheämter für Frauen
In dem Zusammenhang gab sich Stecher überzeugt, dass es in der Frage der Priesterweihe für bewährte verheiratete Männer ("viri probati") und in der Frage der Zulassung von Frauen zu Weiheämtern in der katholischen Kirche eine Weiterentwicklung geben wird. "Wir müssen genau unterscheiden, was göttlicher Auftrag und was menschliches Gesetz ist. Diese beiden Dinge liegen so weit auseinander wie Himmel und Erde. Es geht nicht, dass menschliche Gesetze göttliche Aufträge blockieren", so der Altbischof.
Er
habe den Eindruck, dass man in der Kirche derzeit einige Probleme, die im Raum
stehen, "wegschweigt". Dazu zähle die Erfahrung von Priestern an der
Basis, dass sie mit ihrer seelsorglichen Tätigkeit aus Überlastung nicht mehr
zu Rande kommen, trotz vielfältiger Mithilfe der Laien. - Stecher hat sich
schon als amtierender Bischof von Innsbruck für die Zulassung verheirateter Männer
und für den Frauendiakonat stark gemacht, auch im Vatikan.
Dienen,
nicht herrschen, ist glaubwürdig
In dem "Journal"-Interview wurde Stecher auch zu seiner scharfen Kritik an Rom befragt, die er knapp vor seinem Rücktritt vor vier Jahren in einem Brief an Persönlichkeiten seines Vertrauens geäußert hatte. Darin hatte es u.a. geheißen: "So wie das derzeit ist, hat Rom das Image der Barmherzigkeit verloren und sich das der repräsentativen und harten Herrschaft zugelegt. Mit diesem Image wird die Kirche im dritten Jahrtausend keinen Stich machen".
Er
gebe zu, so Stecher heute, dass dies hart formuliert war. Der Brief sei auch
nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen. Er bereue aber nicht, es so
geschrieben zu haben. Die entscheidende Frage sei, "wie die Kirche heute
mit gescheiterten, irrenden, verirrten, suchenden, zweifelnden, entfremdeten
Menschen umgeht".
Sache
Jesu ist größer als die Kirche
Zu jüngsten Umfrageergebnissen, wonach die Menschen in Europa wieder religiöser, aber nicht kirchlicher werden, sagte Stecher, es gebe ohne Zweifel einen Einbruch in der Kirchlichkeit. Die "Sache Jesu" reiche aber weiter als der sichtbare Rahmen der Kirche. Natürlich gehe es ihm als Bischof und Seelsorger auch darum, dass die Menschen Zugang zur Kirche finden. Das hänge aber "zutiefst mit ihrer Glaubwürdigkeit zusammen; wo die Kirche glaubwürdig tätig ist, öffnet sie auch Zugänge".
Gerade junge Menschen haben - so der Altbischof - ein "Feeling für Echtheit, dafür, ob jemand das, was er sagt, zu leben versucht, oder ob es nur Sprüche sind". Besonders werde die Glaubwürdigkeit gestört, wenn die Menschen den Eindruck haben, die Kirche handle aus einem Machtdenken heraus. Hier seien die Menschen heute viel sensibler als früher. Die Kirche müsse daher ihre Sache "geduldig argumentativ vertreten, nicht autoritär behauptend". Das gelte vor allem auch bei moralischen Fragen.
Stecher
wörtlich: "Leute, die die Sache der Kirche vertreten, müssen dialogisch
auftreten, so wie Jesus immer dialogisch aufgetreten ist, immer mit dem
Bestreben, einsichtig zu machen. Auch das gehört zu einer dienenden Kirche. Das
Geheimnis der Glaubwürdigkeit liegt schon im Dienen; dienen ist immer glaubwürdig,
und herrschen ist immer verdächtig".
Frieden
nicht nur politisch sehen
Die gegenwärtige weltpolitische Lage sollte nach den Worten Stechers "auf allen Seiten Besinnung bringen". Der Altbischof wandte sich in dem Zusammenhang gegen eine einseitige Sicht des Islam. Manche Entwicklungen im Islam seien in religiöse Tiefe gegangen, etwa der Sufismus. Die in der islamischen Welt entscheidende Al-Azhar-Universität von Kairo habe sich "eindeutig gegen Terror-Visionen ausgesprochen". Es habe auch im Christentum Epochen gegeben, in denen man "das Christentum mit sehr viel Gewalt verbunden hat". Aus den jetzigen Vorgängen könnten auf weite Sicht gesehen alle Lehren ziehen.
Was die "Friedensbotschaft" von Weihnachten angeht, sollte sie nicht in einem nur politisch vordergründigen Sinn ausgelegt werden. Damit werde man der Bedeutung des hebräischen Wortes "Schalom" nicht gerecht, und auch nicht dem kirchlichen Gruß "Der Friede sei mit dir". Man müsse als Christ natürlich immer auch den politischen Frieden anstreben. "Ich kann mich als Tiroler Bischof nur freuen, dass wir in Italien in Bezug auf Südtirol Frieden haben", so Stecher. Den politischen Frieden mit dem Weihnachtsfrieden gleichzusetzen, wäre aber eine Verkürzung der Botschaft. "Man kann den Frieden Christi auch haben, wenn man im Schützengraben liegt", so Stecher pointiert.
JA - Die neue Kirchenzeitung, 6. Januar 2002
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Eine
Kirche für unsere Zeit muss eine Kirche geistiger, angstfreier Weite
sein. |
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Bischof Reinhold Stecher |