Konflikte lebensnotwendig

"Konflikt- und Gesprächskultur in der Kirche" Das war das Thema eines Forumsgesprächs, mit dem sich Anfang Oktober 2001 die meisten Vorsitzenden der Kath. Verbände, Seelsorgeamtsleiter Bernhard Holzer und mehrere Vorstandsmitglieder der Initiativgruppe auseinandersetzten. Den Anstoß dazu kam aus dem Vorschlag zur Errichtung einer Kirchenvolksanwaltschaft.

Prof. Arnold Stiglmair zeigte in einem Impulsreferat auf, dass im Alten und im Neuen Testament Konflikte von ausschlaggebender Bedeutung waren. Sie haben wesentlich zum Gang der Glaubensgemeinschaft beigetragen. "Wenn es nicht Konflikte gegeben hätte, würden wir nicht hier sitzen" betonte Stiglmair. Anhand der Entstehung und Zusammensetzung der fünf Bücher Mose zeigte er auf, wie das Ringen um Identität des Volkes Israel nach der Rückkehr aus Babylon von verschiedenen Gruppierungen beeinflusst und schließlich in einer Grundverfassung niedergelegt wurde, die aus Kompromissen bestand. "Die 5 Bücher Mose sind festgefrorenes Gespräch der Konfliktparteien. Man erkannte, dass die Wahrheit nicht gefunden werden kann, indem man sie vom Himmel herunter erwartet. Den rechten Weg findet die Gemeinschaft nur, wenn sie im Gespräch bleibt." fasste Stiglmair die Ergebnisse für das AT zusammen.

Im NT sei ein ähnliches zähes Ringen feststellbar in der Frage, wer zur Jesusgemeinde zu zählen sei. So sei es zum Apostelkonzil gekommen. Die Vorgänge vorher seien alles andere als harmlos gewesen. Paulus war nämlich Petrus offen entgegengetreten. "Es war kein Konflikt zwischen Privatpersonen. Es ging um die Grundausrichtung der Jesusgemeinde. Wenn dieser Konflikt verdrängt worden wäre, gäbe es vielleicht die christliche Kirche nicht. Alle anderen jüdischen Gemeinden sind nämlich nach 70 n.Chr. untergegangen." fasste der Referent zusammen und hielt drei grundsätzliche Momente fest:

  1. Konflikte müssten auch in der Kirche ausgetragen werden, sonst käme nur eine Gruppe zum Zug.

  2. Eine Kontinuität des Gespräches sei notwendig, wobei nicht einzelne bestimmen sollten. Das Charisma der Leitung sei Ausdruck des Geistes der Taufe. In der Priesterweihe werde kein eigener Geist vermittelt. Die demokratischen Strukturen und Vorgangsweisen müssten und könnten von der Taufe her begründet werden.

  3. Die Prüfung des Geistes bedeute, dass die Eigeninteressen der einzelnen überprüft werden müssten.

Anschließend wurden die Konflikte benannt, die es in der heutigen Kirche gibt. Die Aufzählung wollte nicht enden. Das Spektrum reichte von Konflikten um römische Instruktionen, über diözesane Probleme, die Ausgrenzung von bestimmten Gruppen bis zur Gestaltung von Predigten und der Sprache in der Kirche bzw. der mangelnden Gesprächsbereit­schaft auf allen Ebenen. Als Hintergründe dafür wurden der Klerikalismus, die mangelnde Streitkultur, Mündigkeit und heutiges Demokratiebewusstsein genannt. Laiengremien sollten sich in einen gewissen Ungehorsam hineinwagen, wurde betont. Menschen müssten verunsichert werden dürfen, sonst gebe es keine Weiterentwicklung.

Schließlich wurde ein Blatt mit 7 Impulsen für eine verbesserte Gesprächskultur und positive Konfliktbewältigung verteilt, das im Rahmen des zweiten Teils des Forumsgesprächs am 15. März 2002 diskutiert werden dürfte. Bis dahin sollen die Verbände einen Hauptkonfliktpunkt benennen, um dann exemplarisch Verhaltensregeln für eine gelungene Kommunikation erarbeiten zu können.    

Robert Hochgruber