Friede als Aufgabe

Trotz Panzer aus Südtirol

Friedensarbeit notwendiger denn je

Ich bin entsetzt. Südtirol kämpft nun tatsächlich im Krieg in Afghanistan mit. Nein, nicht durch Soldaten, sondern mit Panzern. Stolz erklärte der Direktor des IVECO-Werkes in Bozen, Enrico Valentinelli in der FF vom 15.11.2001, dass das Verteidigungsministerium ihre Panzer für den Einsatz in Afghanistan ausgesucht habe. Natürlich sei man nur aus industriellen Überlegungen heraus stolz darauf, nicht aus militärischen, präzisiert er. Welche Scheinheiligkeit! Was macht das aus?

So sollten alle Panzer dieser Welt aussehen. Ein
rostender Panzer aus dem 2. Weltkrieg in

Papua-Neuguinea

Damit wird offensichtlich, dass Südtirol einen Industriebetrieb hat, der Waffen produziert, Waffen, die auch benutzt werden. In Zeiten wie diesen, wo ein Terrorkrieg international als Gebot der Stunde angesehen wird, traut sich ein Direktor offen die Waffenproduktion zuzugeben. In Somalia sowie im Kosovo sei der Bozner Panzer bereits zum Einsatz gekommen. Und wo sonst noch? Der Direktor sagt mit großer Wahrscheinlichkeit nicht alles. An welche so genannte Entwicklungsländer wurden ebenso Panzer verkauft?

Wer erinnert sich noch an die Diskussionen Mitte der achtziger Jahre, als das IVECO-Werk in Bozen 19 Milliarden Lire als Zuschuss der Landesregierung erhalten hat? Ich war damals auf Entwicklungseinsatz in Papua-Neuguinea. Ich sehe noch vor mir japanische Panzer aus dem 2. Weltkrieg, die an der Küste Neuguineas vor sich hin rosten. Gemeinsam mit anderen habe ich während eines Heimaturlaubes versucht, mittels Öffentlichkeitsarbeit und Unterschriftenaktion auf die Widersinnigkeit der Waffenproduktion  aufmerksam zu machen. Wenn ich schon in einem Land des Südens tätig bin, könne ich es nicht zulassen, dass jenes Land aus dem ich komme, Waffen u.a. auch für die sogenannte Dritte Welt produziert. Dort würden sie Not und Elend anrichten, gleich ob sie eingesetzt werden oder nicht, argumentierte ich. Der Einsatz wäre verheerend, aber auch nur durch die Anschaffung würden dringend nötige Geldmittel für Infrastrukturen und Sanität stark eingeschränkt. Wir haben ein schlechtes Gewissen gemacht, aber nichts erreicht. 1300 Arbeitsplätze würden auf dem Spiel stehen und eine Umrüstung auf zivile Güter sei ungewiss, sagte man uns. So verdienen auch heute noch Südtirolerinnen und Südtiroler an der Waffenproduktion, am Tod von Menschen. Später erklärte man uns, dass eh nur ein Drittel des IVECO- Werkes Panzerwagen herstellen würde, der Rest arbeite in der Produktion von Teilen für Busse. Der so genannte Terrorkrieg in Afghanistan hat nun erneut deutlich gemacht, dass wir nicht auf einer Insel der Seeligen leben.

Was hat es überhaupt für einen Sinn, sich heute noch für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen, frage ich mich. Was hat die Friedensarbeit, die Friedenserziehung in all den Jahren gebracht, wenn heute im Handumdrehen die westliche Welt Gewalt und Krieg als Mittel der Politik einsetzt und viele Staaten dem noch zustimmen? Und die Kriegsberichterstattung muss das Böse sensationell wiedergeben! Viele Journalisten riskieren dafür ihr Leben. Haben wir denn aus den 100 Millionen Kriegstoten des 20. Jahrhunderts nichts gelernt? 4/5 davon waren am Ende des Jahrhunderts Zivilisten, der Rest Soldaten. Am Beginn des Jahrhunderts war das Verhältnis umgekehrt. Und das unermessliche Leid und die Kosten, die verursacht worden sind! Warum muss Afghanistan zuerst niedergebombt werden, um dann einen Entwicklungsplan auszuarbeiten und Gelder locker zu machen? Im ehemaligen Jugoslawien war es ähnlich. Und wir bezeichnen uns als zivilisierte Staaten. Es ist zum Verzweifeln! Und was geschieht in unserem Lande? Nur zwei männliche Politiker sowie die Frauen im Landtag haben ihre Stimme gegen den Krieg erhoben. Bischof Wilhelm Egger ruft zum Gebet auf und sagt nicht, ob er für oder gegen den Krieg ist. Schade. Papst Johannes Paul II. hat sonderbarerweise auch keine eindeutige Stellungnahme gegen den so genannten Terrorkrieg in Afghanistan abgegeben. Vermutlich wurde er von seinen eigenen Leuten aus dem Umkreis von Opus Dei daran gehindert.

Es geht halt doch um mehr als bei den bisherigen Kriegen. Das westliche System wurde durch die Anschläge in New York und Washington in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht verwundet. Damit die USA und Europa nichts an der von ihnen selbst gemachten Weltordnung ändern müssen, wird Krieg geführt. Er verhindert, dass wir nachdenken müssen. Auch die Kirche sitzt im selben Boot. „Solange 20 % der Weltbevölkerung 80 % der Ressourcen verbrauchen, werden wir den Frieden auch nicht mit Bomben bewerkstelligen können“ sagte dazu Valeria Pizzinini, die Auslandsbeauftragte der Caritas in einer Predigt in Tschötsch.

Und was bleibt zu tun? Vermutlich ist es gut, dass uns bewusst geworden ist, wie weit wir noch von einer friedlichen und gerechten Gesellschaft und Weltordnung entfernt sind. Und es bliebt trotz alledem keine andere Möglichkeit, als weiterhin kleine Schritte in Richtung Frieden und Gerechtigkeit zu setzen, so mühsam es auch ist. Ich bin überzeugt, dass den Friedfertigen die Zukunft gehört. Die Spezies Mensch muss und wird sich nämlich weiterentwickeln, oder sie wird nicht mehr sein.

Robert Hochgruber