Meinungsforum

Die Kirche: Weder eine Demokratie,
noch eine Monarchie

Was Jesus ankündigte, war das Reich Gottes, die Herrschaft Gottes, also - man erschrecke nicht - eine Theokratie. Heißt das nun: zurück zum Gottesstaat des Augustinus oder zu Karl dem Großen im hohen Mittelalter?  Um Gottes Willen, das nicht! Nicht einmal die bis zu unsrer Zeit herauf angebliche „Stellvertretung Gottes“ ist gefragt. „Verflucht der Mensch, der sein Vertrauen auf den Menschen setzt“ (Jer 17,5). Und dennoch: Im Menschen Jesus sowie in allen, die sich vom Geist Gottes treiben lassen, die das Reich Gottes annehmen wie ein Kind (Lk 18, 16-17) und so zu Kindern Gottes werden (Röm 8, 14), ist das Reich Gottes ohne alles äußere Gepränge (Lu 17,20) mitten unter den Menschen (18,16). Es ist jedem gegeben, „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zu sein im gleichen Geiste, der Jesus trieb. Licht, das wärmt, erhellt und Leben spendet; Salz, das die Masse durchdringt, ihr Geschmack gibt und vor der Zersetzung bewahrt.

Schon daraus wird klar, dass es da um eine Herrschaft geht, die mit den weltlichen Mächten keinen Vergleich aushält.  „Mein Reich ist nicht nach Art dieser Welt“ (Joh 18,36), wo die, die Machtpositionen besitzen, die übrigen über Gesetze und menschliche Autoritäten in Schranken halten, wohl oder übel dies zum Schutz der Menschen tun müssen. Der Gott, den Jesus verkündet, lässt seine wärmende und belebende Sonne aufgehen über Gute und Böse (Mt 5,45) und wie ein guter Hirt seinen Schafen vorangeht, und diese ihm ohne den leisesten Zwang folgen (Joh 10.4), wird in der christlichen Gemeinschaft jeder und jede, die das Charisma der Leitung hat, vermeiden irgendwie Druck auf Menschen auszuüben, um ihn in die Richtung zu bringen, die ihm die Richtige erscheint. Da wo wahre Liebe gelebt wird, gibt es kein Oben und Unten, keine Herrscher und Untergebene, keine „heiligen Väter“ und „katholischen Kaiser“. „Einer ist euer Herr... einer eurer Lehrer, ihr alle aber seid Jüngerinnen und Jünger“ (Mt 23,8), Lehrlinge, vom einfachsten Arbeiter bis zum Papst. Jesus selber ist aufgetreten „wie einer der dient“ (Lk 22,27), der ein- und nicht ausgrenzte. Im übrigen ist es schwer anzunehmen, dass Jesus die Zwölf zu Aposteln auserwählt hat, weil sie eine besondere Eignung zum Predigen, zum Lehren, sagen wir mal zum Bischofsamt aufwiesen. Sie sollten ja auch nicht mehr als Zeugen der Frohen Botschaft sein und da wissen wir: je mehr Kind, um so aufrichtiger.

Keine Wohlfahrtsanstalt, die abhängig macht, anstatt auf eigene Beine zu stellen; keine kultische Großveranstaltung, die wie Opium wirkt; schon gar keine Kniefälle vor weltlichen Mächten, damit diese Gesetze entwerfen und mit Strafen belegen, die die christliche Moral stützen sollten. All dies hat Jesus entschieden zurückgewiesen, um einen zweifelhaften Erfolg zu vermeiden. Wir sollen das Wunder der Brotvermehrung leisten durch gerechte Verteilung; die Wahrheit bedarf keines feierlichen Anstrichs. Wer sie nicht in ihrer Nacktheit annehmen will, der zieht die Lüge vor. König im Reiche Gottes ist, wer ganz im Willen Gottes aufgeht, so wie Jesus, "der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Heißt das nicht in der Kirche der Anarchie das Wort zu sprechen? Die Kirche setzt sich aus Menschen zusammen. Keine Gemeinschaft, so wird man mir sagen, kann überleben ohne gemeinsame Normen und ohne eine Autorität, die Gesetze aufstellt und überwacht. Gewiss, aber das Besondere in der Gemeinde Jesu besteht gerade darin, dass diese Ordnung nicht vom Menschen ausgeht, und die Autorität sich an dem Evangelium zu orientieren hat. Das heißt jedoch: Dienst am Evangelium, Dienst am Menschen. Und wer bestimmt den Träger von Autorität? Es ist Paulus, der einmalig klar darüber geschrieben hat, da wo er über die Charismen, die Geistesgaben schreibt. Er führt nur einige an, die direkt mit dem Zusammenleben zu tun haben. Unter diesen nennt er die Gabe des Apostelamtes, die der Prophetie, des Lehrens, der Heilung, der Unterscheidung der Geister. Er hätte noch viele aufzählen können, etwa die des Vorsteheramtes mit der Gabe der Organisation („episcopein“) bis hin zum Beruf des Politikers oder des Handelsmannes.

All diese Gaben, die die Neigung zu einem bestimmten Beruf ausdrücken, hat der Gläubige in den Dienst des Ganzen zu stellen. Es sind die Talente, von denen Jesus in einer Parabel spricht und über deren Einsatz jeder und jede Gott, und nur ihm Rechenschaft schuldet. Es sind Gaben, die der Geist Gottes, nicht der Papst und nicht die Bischöfe, frei verteilt wie es ihm gefällt. Die Gemeinde wird diese Gaben entdecken und wer die Gabe der Organisation hat – , die des    „epis-copein“, Mann oder Frau, - wird den Wunsch der Gemeinde aufnehmen und den Berufenen die Möglichkeit einräumen, ihre Berufung so effektiv wie nur möglich einzusetzen. Das heißt Dienst und hat nichts mit Herrschaft zu tun. Die Autorität eines Predigers, eines Religionslehrers, sagen wir, eines „Priesters“ in der Kirche – (Paulus wäre nicht auf den Gedanken eines besonderen Priestertums gekommen) – weist sich auf gleiche Weise aus wie bei Jesus: sie bezeugt sich durch die Botschaft, die durch die Lebensführung beglaubigt ist.

Was jedoch völlig unzulässig ist, leider aber geschieht, besteht im Anspruch, dem Geiste Gottes Bedingungen zu diktierten, wie und in wem er zu wirken hat, etwa nur im männlichen Geschlecht, und nur bei Zölibatären. Da herrscht nicht mehr Gott, der ruft, sondern der Mensch, der ausgrenzt. Die Berufe sind Fingerzeige Gottes, und wer aus Gott ist, wird ihre Autorität frei und dankbar anerkennen. Das enthebt aber niemanden  der Verantwortung „alles zu prüfen, und an dem festzuhalten, was er für richtig hält“ (1 Thes 5,21; 1 Joh 4,1). Damit ist gesagt: Nicht das Dachschindelmodell der Nachfolge ist Garantie der Berufung („Gott kann auch aus Steinen Nachfolger Abrahams machen“), sondern das Blitzschlagmodell, das einem Paulus oder einem Luther den Weg der Berufung eröffnete. Die Handauflegung kann beglaubigen, aber nicht verursachen. Wem Paulus die Hand auflegte, der genoss schon das Vertrauen der Gemeinde. Niemand und keine Gruppe hat das Recht, sich ein Monopol bestimmter Geistesgaben anzueignen. Eine Kirche, die dem Reiche Gottes dienen will, überlässt Ihm die Initiative und dient Seiner Sache, die letztlich die wahre Sache des Menschen ist. Dafür dient weder das Modell einer unsrer Demokratien und schon gar nicht unsere aktuelle päpstliche Monarchie. Man kann einwenden: Wenn da jeder und jede selber entscheiden kann, was wahr ist, was zu tun ist, spricht man da nicht dem Subjektivismus das Wort? Natürlich. Wenn Jesus der Weg ist, wenn jeder und jede für sein Verhalten einzig Gott Rechenschaft geben muss, wenn der Wille Gottes nur über das persönliche Gewissen erfahrbar ist, dann ist es das Subjekt, das alle Achtung verdient. Wer diese Freiheit bei sich oder bei anderen vergewaltigt, sündigt gegen den Geist Gottes, gegen die Freiheit der Kinder Gottes.

Was ein Kirchenmodell dieser Art, das wir aus dem Evangelium herauslesen, für unsere Praxis bedeutet, ist klar: eine radikale Umkehr. Wir brauchen keine Dogmen, kein Kirchenrecht, keine Kirchenväter und schon gar keine Hochwürden, Exzellenzen und Eminenzen. Auch keinen „Heiligen Vater“.  Wir brauchen keine Tempel, keine Sakramente und nichts von all dem Aufwand an Symbolen und Auszeichnungen, die die einen von den anderen unterscheiden. Wir brauchen kein besonderes Priestertum. Schauen wir auf Jesus, dann haben wir alles, was wir brauchen: Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wer sich vom Geiste Jesu treiben lässt, ist Kind Gottes. Es gibt keine Würde für uns Mensch, die solchen Rang übersteigt. Wenn auf diese Weise Gott die Herrschaft abgetreten wird, sind wir in guten Händen und unsere verworrene Welt wird sich vom Westen bis zum Osten dem Lichte zuwenden. Engen wir die Kirche jedoch in menschliche Kategorien ein, werden wir alle Defekte dieser Organisationen mit uns schleppen und keine überzeugende Botschaft vom Reiche Gottes ausstrahlen.

Franz  Wieser, Peru


Nach einer ersten Lektüre des Schlussdokuments der Bischofssynode

 

Wer sich von der Bischofssynode eine Wende zu einer Kirche erwartet hat, wie sie das Volksbegehren träumt, der mag zutiefst enttäuscht sein. Wer konnte das schon erwarten nach all den Vorzeichen, die wir kennen? Fortschrittliche Synodenteilnehmer waren ja in absoluter Minderheit. Dafür hatte Woytila weislich vorgesorgt. Zum andern ist die oberste Kirchenleitung viel zu stolz, als dass sie etwas an ihrer Vergangenheit ändern könnte, was nicht auf Proselytismus hinaus läuft. Es gab keine Selbstkritik, keine Entschuldigung für die Intoleranz gegenüber Theologen und Priestern, die abweichende Meinungen vertreten, kein Zeichen eines Schuldbekenntnisses für die Deckung von sexuellen Ausschreitungen von Priestern und Ordensleuten.

Was jedoch an Zynismus grenzt, ist die Verlautbarung, dass sich bei der Synode “die Stimme der Ortskirchen und des Volkes hören ließ”, dass „die Synodalen die Genugtuung hatten, brüderliche Abgesandte aus anderen christlichen Kirchen unter sich zu haben und in ihren Reihen sich Beobachter bestehend aus Ordensleuten und Laien, männlichen und weiblichen Geschlechtes befanden”, während sie die Stimmen der lebendigen Kirche im Schatten, die Tausende von Katholiken vertraten, vor der Tür stehen ließen.

Dann fuhren die Bischöfe über die böse Welt her, ohne sich zu fragen, warum nach Transparency International gerade in stockkatholischen Ländern die faulen Früchte der Korruption am besten gedeihen (siehe Archiv). Sie sprechen von einer gerechten Verteilung der Güter, geben aber keinen Zoll ihrer eigenen sozialen Privilegien ab. Sie reden von einer Heiligkeit, die den Bischof vor allem auszeichnen sollte und die “in der Öffnung gegenüber allen bestehen sollte” sowie “in einem offenen Dialog mit Menschen, die nicht den gleichen Glauben teilen”,  nur nicht, wie es schien, gegenüber Andersdenkenden in den eigenen Reihen.

Verwirrend und nichtssagend ist der Text, wo er über die Kollegialität spricht. Zwischen Einheit und Einförmigkeit sind keine Grenzen festzustellen. Im Gegenteil, die völlige geistige Unterwürfigkeit der Bischöfe im Geist und Willen unter den Weisungen des Papstes, wurde nur noch bekräftigt. Wie soll “die Kirche zur Heimat und Schule einer Gemeinschaft” sein, wo es keine Meinungsverschiedenheit geben darf?

Wenn das Dokument den Bischöfen das Kunststück empfiehlt, “zusammen mit den Priestern und Diakonen alle Gnadengaben in ihrer wunderbaren Vielfalt zu unterscheiden und zu stützen”,   so nimmt es nicht nur einmal mehr das Monopol der Gabe der Unterscheidung der Geister ausschließlich für den Klerus in Anspruch, sondern lässt es dabei, dass dem Geiste Gottes weiterhin in seiner freien Verteilung der Geistesgaben die Schranken gesetzt bleiben, was Frauen und  verheiratete Männer betrifft.

Die Bischöfe erkennen schließlich an, dass die Jugend “einen tiefen Spürsinn hat, für das, was Ehrlichkeit und Transparenz bedeutet”, kommen aber nicht zum Schluss, dass gerade das Fehlen solcher Tugenden in der offiziellen Kirche für die Jugend ein Hindernis ist, sich ihrem Dienst  zu verschreiben.

Damit hat der Papst ein Dokument zur Hand, das ihm wenig Kopfzerbrechen bedeuten kann, es sei denn, er sieht in seinen alten Tagen noch klarer, was der Sache Jesu und der Menschen in Kirche und Welt zum Leben dient.

Franz Wieser, Peru

 


Die eigentliche frohe Botschaft

Nach meiner Ansicht - weitgehend mit der theologischen Überzeugung des französischen Naturwissenschaftlers und Jesuitenpaters (kath. Priesters) Pierre Teilhard de Chardin (1881 - 1955) identisch (über den ich 1993 an der Universität Verona meine Dissertation geschrieben habe) - ist die wahre christliche Botschaft folgende:

Der heilige - heilende - HEIL bringende Geist kämpft seit jeher mit all seiner Kraft, mit all seiner Energie darum, im gesamten Universum ein ewiges Paradies entstehen zu lassen. Er wird es schaffen, es wird ihm gelingen. Dieses Paradies wird Wirklichkeit, sobald seine Energie voll entfaltet, voll entwickelt ist. Wir können diese Entwicklung durch diesbezügliche Zuversicht und ethisches Bemühen erleichtern und beschleunigen.

Das ist meiner Meinung nach das echte Evangelium, die eigentliche frohe Botschaft.

Martin Dissertori, St. Pauls - Eppan