Alexander
Langer und die Religion
Florian
Kronbichler im Gespräch
Impulse:
Welche Bedeutung hatte Religion im
Leben von Alexander Langer?
Florian
Kronbichler: Die Frage nach der Religion im Leben Langers zu stellen, ist
eine Falle. Denn unwillkürlich stellt sich einem hinter dieser Frage die Frage:
Warum die Frage? Deshalb antworte ich mit einer Gegenfrage: Alexander Langer
beginnt seine „Minima personalia“, was eine Art Autobiografie ist, mit einer
Frage zur Religion, und sein Abschiedsbrief vor seinem Freitod endet mit einem
Zitat aus der Bibel. Welche Bedeutung also muss für so einen Menschen Religion
gehabt haben?
Impulse:
Was genau stand zuerst und was zum
Schluss bei Alexander Langer?
Florian
Kronbichler: Die Autobiografie beginnt mit der Frage des kleinen Alexander:
„Mamma, warum geht Papa nie in die Kirche?“ Langers Vater war Jude, nicht
praktizierender. Die Mutter erklärt dem Kind nichts, sie beruhigt es nur: Papa
arbeite im Spital und tue dadurch Gott-Gefälliges. Es ist ein inniges Gespräch,
in dem das, was zum Grundsatz des langerschen Lebens werden würde, bereits
festgelegt ist. Es lässt sich am besten in Erich Kästners Epigramm
zusammenfassen: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“
Impulse:
Und das Religiöse zum Schluss?
Florian
Kronbichler: Da ist der schöne Satz: „Lasset alle zu mir kommen, die ihr
mühselig und beladen seid“. Langer zitiert diesen Passus in der alten,
lutherischen Übersetzung, so wie er ihm wahrscheinlich aus der Kindheit geläufig
ist. Inzwischen wird er etwas neudeutscher gebraucht. Und der verzweifelte
Langer sagt dazu: „Auch dieser Einladung zu folgen, fehlt mir die Kraft“. Er
hat sich mit der „Einladung“ also befasst.
Impulse: Langers Kirchenkritik von 1969 war sehr radikal. Was dachte er über die Kirche, und was erwartete er von ihr?
Florian
Kronbichler: Langer war sein Leben lang radikal. In seiner Schulzeit ein
radikaler MK-ler, in den ersten Universitätsjahren ein radikaler Christ,
gipfelnd in dem engen Kontakt mit dem berühmten Don Lorenzo Milani, dessen
„Scuola di Barbiana“ Langer unter dem Titel „Die Schülerschule“
ins Deutsche übersetzte. Im Zug der 68-er Bewegung trieb es Alexander Langer,
ich würde sagen, selbstverständlich, in die extraparlamentarische Opposition
und innerhalb dieser in die moralischste, sponti-hafteste Gruppierung, nämlich
„Lotta continua“. In „Lotta continua“ trafen sich bezeichnend viele
Christen, denen die Kirche in ihren Formen und Alleanzen ein Ärgernis war, und
entsprechend präsent ist hier auch das Thema Kirche und Religion. Viel mehr als
in den marxistischen Gruppierungen. Diesen waren die „Genossen“ von „Lotta
continua“ immer suspekt gerade wegen ihrer katholischen Herkunft und ihres
„Moralismus“. Der revolutionäre Langer dachte von der Kirche wohl ungefähr
das, was laikale Linksradikale von der Kommunistischen Partei hielten: durch
ihre reformistische, das bedeutete: kompromisslerische Position würde sie
verhindern, dass „die Widersprüche in dieser Gesellschaft sich zuspitzen“
(eine Lieblingsfloskel aller Radikalen), und so den Endsieg des Guten
vermasseln. Die Reformisten sind immer die Erzfeinde der Revolutionäre. Diese
Einsicht und der psychologisch in ihm angelegte Vollkommenheitsdrang dürften
wohl die Grundlage der langerschen Kirchenkritik jener Zeit gewesen sein.
Impulse:
Wie entwickelte sich Langers
Interesse an Religion und Kirche im Lauf der Jahre?
Florian
Kronbichler: Von der ungestümen Jugendliebe (zur Kirche und speziell zu
ihrer Soziallehre) war schon die Rede. Die Unduldsamkeit über den Widerspruch
von Anspruch und Wirklichkeit ist ein tragendes Thema in den Aufsätzen aus
Langers Franziskaner-Gymnasialzeit. Die Erfahrung mit den „preti operai“ und
vor allem die Begegnung mit dem (seinerzeit allerdings bereits kirchenamtlich geächteten)
Don Milani ließen Langer noch an die „revolutionäre Kraft“ der Religion
glauben. Das war bis gegen 1968. Darauf folgt eine Zeit, in der Alexander Langer
die katholische Kirche
„aufgegeben“ haben dürfte. Er war auch nicht mehr
„praktizierender“ Christ. Religiös blieb weiterhin seine Sprache. Kein Südtiroler
Politiker, das darf gesagt werden, war auch nur annähernd so bibelfest wie
Langer. Zur Zeit des Konzils verdiente sich der junge Langer ein Taschengeld als
Rom-Führer für Konzilsbischöfe. Auf Lateinisch führte er, wohlgemerkt. Seine
politischen Schriften sind voll von biblischen Metaphern. Oft wurde er dafür
gehänselt. Aber sein untrüglicher Geschmack bewahrte ihn davor, das
Soziologendeutsch jener Zeit anzunehmen.
Impulse:
Außer der Sprache hatte Langer aber
mit Kirche nichts mehr zu tun?
Florian
Kronbichler: Es gab später wieder eine merkliche Annäherung. Mit der
sogenannten „Krise der Politik“, die ja auch eine Krise der klassischen
politischen Ideologien ist, verliert Alexander Langer im Unterschied zu so
manchen „Kollegen“
nicht den Boden unter den Füßen. Seine Grün-Werdung geht einher mit der Annäherung
an christliche Kreise und Institutionen. „Frieden und Bewahrung der Schöpfung“
werden die großen Themen sowohl der Grünen als auch der Kirche. Die gemeinsame
Sprache hilft vergangene „Missverständnisse“ überwinden. Ein Grund für
die Wiederannäherung dürfte wohl auch der in Langer abhanden gekommene oder
zumindest stark angeschlagene Fortschrittsglaube gewesen sein. Seine Treffen mit
kirchlichen Gruppen und auch mit Bischof Wilhelm Egger persönlich waren in den
letzten Jahren häufiger, als bekannt geworden ist.
Impulse:
Es gab ein freundschaftliches Verhältnis
zwischen Alexander Langer und Bischof Wilhelm Egger. Wie ist Langers
Kirchenkritik auf diesem Hintergrund zu sehen?
Florian
Kronbichler: Das „freundschaftliche Verhältnis“ dürfte in erster
Linie ein „Interesse“ aneinander gewesen sein. Beiderseits. Dazu kommt die
landsmannschaftliche Komponente, beide sind Sterzinger, Langer witzelte oft über
eine sogenannte „Wipptaler Solidarität“, in die er außer den Bischof auch
noch den Senator Friedl Volgger und sogar den Alt-Dolomitenchef Josef Rampold
einschloss. Aber Spaß beiseite, der Bischof schätzte Langer ohne Zweifel, der
Kapuziner in ihm dürfte dabei auch hilfreich gewesen sein, und außerdem war
der Langer der letzten Jahre ja kein Schreckgespenst mehr. Es war durchaus
salonfähig, sich mit ihm sehen zu lassen. Viele Jahre lang war das nicht so.
Impulse: Langer würde heute zu zahm, zu globalisiert präsentiert, schriebst du jüngst im „mattino“. Es sei aus ihm ein `Heiliger´ gemacht worden, der für alle gut gehe. Stört dich das?
Florian
Kronbichler: Meine Kritik bezog sich auf die herrschende Langer-Anbeterei.
Daraus spricht nicht die Eifersucht eines Langer-Freundes. Ich sprach mehr die
Unfähigkeit an, von diesem unstrittig großen Politiker Abschied zu nehmen und
etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Und außerdem: Wenn gar zu viele ihn für
sich vereinnehmen, auch solche, die ihn zeit seines Lebens für einen
Volksverhetzer und noch Schlimmeres hielten, dann ist das halt ein Grund
misstrauisch zu sein. Misstrauisch auch dem toten Alexander Langer gegenüber.
Ob wir es nicht, was Max Frisch – mit Anspielung auf Bert Brecht – gesagt
hat, mit der „Wirkungslosigkeit eines Klassikers“ zu tun haben?
Impulse:
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Interview: Robert Hochgruber
| Florian Kronbichler, gebürtig aus Reischach, wohnhaft in Bozen, Mitglied des Pfarrgemeinderates der Pfarrei Christ König, Journalist, bis vor einem Jahr bei der Wochenzeitung FF angestellt, heute freier Journalist und Hausmann, schreibt vierzehntägig die Kolumne "Übrigens ..." im Katholischen Sonntagsblatt, kritischer Beobachter und später Freund von Alexander Langer. | ![]() |

Obwohl
wir Gott nie gesehen haben,
sind
wir wie die Zugvögel, die, an einem fremden Ort geboren,
doch
eine geheimnisvolle Unruhe empfinden,
wenn
der Winter naht,
eine
Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat, die sie nie gesehen haben
und
zu der sie aufbrechen, ohne zu wissen, wohin.
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Ernesto
Cardenal