Für Erneuerung des priesterlichen Dienstes

IV. Kongress der lateinamerikanischen verheirateten Priester

Es war ein Fest, arbeitsreich, jedoch geladen von Glaube, Hoffnung und menschlicher Wärme. Delegierte kamen aus Mexiko, Ecuador, Brasilien, Argentinien, Chile und Peru um die Situation des priesterlichen Dienstes in der katholischen Kirche und vor allem in diesem Erdteil aus der Perspektive zu sehen, die denen auf einmalige Weise gegeben ist, die die kirchliche Struktur von innen und  außen  ganz neu begreifen.

Die Begegnung fand im Erholungszentrum Huampani, 25 km nordöstlich von Lima, statt, fern vom Nebel und Smog der lärmenden Hauptstadt. Es war der „IV Kongress der Lateinamerikanischen Vereinigung Katholischer Verheirateter Priester“. In Zukunft soll die Bewegung einen Namen tragen, der tiefer ansetzt und die Problematik des priesterlichen Dienstes nicht nur im Zölibat sieht. Die Bewegung soll neben den Rechten der christlichen Frau das traditionelle Priestertum ins Licht des Evangeliums und der neuesten Erkenntnisse der Theologie stellen und auch die „Laien“ miteinbeziehen, die in Peru schon von Anfang an in der Nationalen Bewegung „Diálogo y Vida“ zugegen waren. Von nun an wird die Bewegung in Lateinamerika „FEDERACION LATINOAMERICANA POR LA RENOVACION DEL MINISTERIO SACERDOTAL“ heißen. Das bedeutet zugleich eine Annäherung an die Bewegung "Wir sind Kirche" des Kirchenvolksbegehrens.

Die Begegnung war von Trauer und Hoffnung getragen. Trauer, weil unsere   „Oberhirten“ immer noch meinen, sie könnten dem Geiste Gottes die Bedingungen vorschreiben, wie und in wem er zu wirken hat: nur über Männer und unter denen nur über Ehelose. Trauer, weil es einem schwer fällt zu glauben, man könne unbesorgt die Sache Jesu, die die des Menschen ist, menschlichen Normen unterordnen. Trauer, weil die Talente, die Gott jedem nach seinem Gutdünken verteilt und über deren Einsatz  man einzig IHM Rechenschaft schuldet, dort auf Grenzen stoßen, wo sie gefördert und effektiv in den Dienst des Menschen eingesetzt werden müssten. Mein persönlicher Eindruck war: Können unser Papst und unsere Bischöfe wirklich die Verantwortung vor Gott übernehmen, auf so wertvolle, im Glauben und in der Liebe so tief verwurzelte Menschen, wie ich ihnen in Lima begegnet bin, verzichten? Was hat bei denen den Eifer eines Paulus gelöscht, der angesichts von falschem Eifer ausrief: „Wenn nur Christus verkündet wird, darüber freue ich mich!“

Hoffnung und Zuversicht jedoch überwogen bei weitem alle Trauer. Wir wussten uns ja eingebettet in einer weltweiten Strömung erneuernder Kräfte. Da war Julio Pinillos aus Spanien, sprühend von Geist und Feuer; Clelia, die Witwe des verstorbenen Bischofs von Argentinien, die sich trotz Alter und Krankheit zum Kongress heranschleppte, um die geistige Erbschaft ihres Gemahls einzubringen, der wegen seines Einsatzes für die Armen so viel unter der Militärregierung Videlas zu leiden hatte. Aus Chile kamen Sebastian und Abdon, letzterer auf Krücken und erst von einer schweren und langwierigen Krankheit genesen, aus dem fernen, nördlichen Brasilien war es Jorge, ein Bischofskandidat ehe ihn unter der rechtsgerichteten Militärregierung seine Kollegen fallen ließen. Aus Ecuador kamen Darwin und Mario: der eine mit seinem 6-jährigen Töchterchen, Mario mit seine Frau Rosa. Seine Weisheit und Bescheidenheit trugen viel zur geistigen Atmosphäre bei. Sie legten aus finanziellen Gründen die über 2000 km lange Strecke per Bus zurück. Aus den gleichen Gründen konnten unsere Schwestern und Brüder aus Venezuela, Paraguay und Kolumbien nur schriftlich ihre innere Teilnahme an der Begegnung bezeugen. Von Mexiko, dem äußersten Rand Lateinamerikas traf unser Bruder Lauro ein. Ausgerüstet mit seinem Handcomputer, tat er wahre Wunder,  um ja keinen brauchbaren Gedanken dem Vergessen zu überlassen.

Ja, sie alle trugen die Merkmale Christi an Leib und Seele. Solche Opfer um der Sache Jesu willen sollten keine Früchte bringen? Sollten sie nicht viele beschämen, die sich in bischöflichen Palästen ein weit bequemeres Dasein einrichten? Was die Welt braucht, ist das Antlitz des guten Hirten, der seinen „Schafen“ vorausgeht, dem sie folgen, weil sie ihn kennen.

Heute sieht die Welt hinter die Kulissen. Niemand kauft uns mehr einen mit sakralen Worten und Gesten aufgebauten   Mysterienkult ab. Einer ist unser Herr und Meister; wir alle, einschließlich Papst und Bischöfen, sind, wie die Apostel, seine Jünger und Jüngerinnen, Lehrlinge in der Nachfolge Christi. Die Gabe der Unterscheidung der Geister und die des Prophetentums spielen dabei eine große Rolle, die sich niemand als Monopol aneignen kann. Dass Jesus bekannt wird in seinem wahren Anliegen, darüber freuen wir uns. Wir sind bereit ihm zu folgen, selbst wenn wir liebgewonnene Traditionen und menschliche Normen durchbrechen müssen, die dem Menschen von heute nicht zur Verwirklichung seines Christ-Seins verhelfen.

Franz Wieser, gebürtig aus Stilfs,
Nationale Bewegung „Diálogo y Vida“
Peru,  August 2001