Weltkirche

Das Jahrtausend der Laien

Norbert Piechotta, Köln

Mit brennender Sorge betrachten viele Frauen und Männer  heute die Entwicklung ihrer Kirche.

Denn nach zweitausend Jahren Führung durch die „Hirten“ -eine angemessen-verständliche Metapher für nomadisierende Volksgruppen, die noch wissen, dass die Schafe den Hirten als Milch-, Fell– und Fleischlieferanten dienen- haben die „Schafe“ durch die gigantischen wissenschaftlichen und neuerdings informationstechnologischen Bildungsmöglichkeiten seit vielen Jahren die geistige Führung der Gesellschaft übernommen.

Vom ehedem selbstverständlichen Bildungs-, Wahrheits- und Heilsmonopol der Kirche ist fast nichts mehr übriggeblieben; wohl deshalb sucht die römische Kurie aufgrund ihres angeschlagenen Selbstbewusstseins rückwärtsgewandt ihr Überleben im mittelalterlichen Denken, als die römisch-kuriale Welt noch in Ordnung war.

Die Symptome sind vielfältig: Nach über 300 Jahren werden grotesker- weise die Exorzismusriten aktualisiert und uns weit über 1200 neue Selige und Heilige beschert. Bei einigen, z. B. Pius IX., wahrhaftig eine schöne Bescherung, die von keinem Menschen klaren Verstandes nachvollzogen werden kann. Hofft Johannes Paul II. auf erblühende mittelalterliche Frömmigkeit?

In einem der katholischsten Länder der Erde, Polen, haben die letzten Präsidentschaftswahlen bewiesen, dass der Katholizismus kein ernst zu nehmender politischer Faktor mehr ist. Selbst hier erweist sich das politische und theologische Mittelalter als beendet.

Kirchenpolitisch weit verheerender ist jedoch der Versuch des Andockens an das I. Vatikanum.  Juristisch und spirituell haben die angst-neurotisch besetzte Laieninstruktion, das totalitäre „Ad tuendam fidem“, der un-jesuanische Treueeid,  die beschämende Rückgratlosigkeit der deutschen Bischöfe – ausgenommen lediglich Bischof Kamphaus -  in der Schwangerschaftsproblematik  und das ökumenefeindliche „Dominus Jesus“ tiefe Schneisen in die kirchliche Landschaft geschlagen. Hierzu Prof. Küng:  „Die Erklärung bietet eine Mischung aus  mittelalterlicher  Rückständigkeit  und  vatikanischem Größenwahn. Die Kirchenspitze hat trotz des Schuldbekenntnisses des Papstes zum Jahr 2000 nichts dazugelernt. Mit dem Papier fällt  die katholische Kirche hinter des Zweite Vatikanische Konzil zurück. Die Konzilsväter haben damals anerkannt, dass auch andere Kirchen als Kirchen Jesu Christi angesehen werden können.“ (publik-forum, Nr. 18/00, Dossier V)

Vielleicht wird erst der verheiratete Papst des Jahres 2087 die vatikanischen Verhältnisse dauerhaft ändern!

In Bezug auf die Reformwünsche des Kirchenvolkes war jüngst zu lesen, „es hat den Anschein, dass Mäuse (gemeint: Kirchenreformer) einen Elefanten (gemeint: Bischöfe) bewegen wollen.“ (Siehe Impulse von unten 3 / 2000 S. 2)

Da kann entgegnend nur gefragt werden: „Wer sind denn tatsächlich die Mäuse, wer der Elefant?“ Und die Antwort ist eindeutig: Das Kirchenvolk ist der Elefant — der gutmütige, viel zu langmütige brave Elefant. Die Mäuse, das sind Ratzinger und die römische Kurie — und die Obermaus Bruder Karol. Ein doppelter Bewusstseinswandel ist dringlichst nötig. Bei den rotgekappten Mäusen, der baldig neuen weißen Maus — und dem Arbeitselefanten, der unbeirrt das weiterhin tun wird, was ihm durch den Lebendigen Geist an Aufgaben gestellt wird. Der dogmatischen Verhärtung nicht unterworfen, die klerikal-unverständliche Sprache nicht sprechend, wird er das Feuer der frei– und frohmachenden Botschaft weitergeben. Und so kann der Elefant die Mäuse getrost  im Glauben lassen, sie seien der Elefant.

Das 3. Jahrtausend Kirchengeschichte wird das Jahrtausend der „Laien“ sein!