Bibelecke

Dem Geheimnis des Lebens näher kommen

Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Sohn vom Herrn erworben.

Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.

Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar; auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß, und sein Blick senkte sich.

Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß, und warum senkt sich dein Blick?

Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!

Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

Kain und Abel: Gen 4,1–8

Schlimmer könnte die Menschheitsgeschichte gar nicht beginnen. Vertreibung aus dem Paradies und dann Brudermord. Und Schuld daran scheint allein der Herr zu sein. Denn ist es nicht zutiefst ungerecht, dass er ohne Angabe von Gründen das Opfer des Jüngeren dem des Älteren vorzieht?

Aber vielleicht geht es hier gar nicht um zwei verschiedene Menschen, sondern um zwei verschiedene Weisen, dem Leben Sinn zu geben.

Der Name Kain kommt vom Wort „kone“ und bedeutet „erwerben„ , „leisten„. Der Name Abel hingegen  bedeutet „Nichtigkeit„,  „nichts„, „das, was nicht zählt„.

Kain wird einer, der die Erde bebaut. Er möchte über die Arbeit und die Mühsal dem Sinn des Lebens näher kommen. Die Leistung ist ihm wichtig.

Abel wird ein Hüter der Lämmer. Er mag diese wehrlose, sich hingebende Welt. In der jüdischen Tradition gilt er ähnlich wie Josef als Träumer.

Beide  Brüder bringen ein Opfer dar, Kain von den Früchten des Feldes, Abel von seinen Lämmern. Das Wort Opfer kommt vom hebräischen Wort „korban“ und bedeutet  „näherbringen„, „näherkommen„. Gemeint ist: Dem Woher, dem Wohin und dem Wozu des Lebens näher kommen, dem Geheimnis Gottes näher kommen.

Gott setzt andere Maßstäbe als der Mensch. Leistung, Ansehen, Erstgeburt ... führen  nicht zu ihm. Es ist das Sein, nicht das Haben, was vor Gott zählt.

Wir sollten den Träumer und den Leistenden nicht außerhalb von uns suchen, um dann je nach unserer Einstellung die Leistung oder das Träumen abzulehnen. Beides ist in uns selbst da. Der Mensch und die Welt sind von dieser Mischung bestimmt. Es gibt keinen Menschen, der nur Kain oder nur Abel ist.

In unserer heutigen Zeit scheint mir bei vielen Menschen,  auch bei mir selbst, das, was Kain symbolisiert, sehr im Vordergrund zu stehen. Wir stellen uns gerne dar als  eine/r, der/die macht, der/die von sich sagen kann, er/sie habe dies oder jenes geleistet. Wir möchten uns ständig beweisen. Das Ergebnis ist aber oft ein Gefühl der Frustration, da das ständige Leisten nur „unstet und unzufrieden„ macht. Mit einer solchen Haltung kann  das Geheimnis des Lebens nicht ausgelotet werden. Auf Kain und sein Opfer schaute er nicht!

Doch anstatt Abel Raum zu geben und den „Dämon„ Enttäuschung, Eifersucht, Wut in die Schranken zu weisen, wird Kain noch stärker gemacht. So stark, dass  er den/die  Träumer/in in uns besiegt.. „Abel„ zieht sich in einen Bereich zurück, der für uns „tot„ ist, unerreichbar wird.

Wir haben jeden Tag neu die Möglichkeit, Abel in uns wachsen zu lassen. Wir können an die Macht unserer Phantasie glauben. Wir können uns beschenken und lieben lassen.

Unser Glück  muss - und kann auch gar nicht  - allein von uns selbst erarbeitet werden. Der Rauch von Abels Opfer steigt senkrecht auf. Die Träumenden verbinden Erde und Himmel.

Franziska und Andreas Röck

Diesem Artikel liegen Gedanken

aus dem Buch

 "Die Wurzeln der Aggression" von

Friedrich Weinreb zugrunde.


 

Abel steh auf

Abel steh auf

es muß neu gespielt werden

täglich muß es neu gespielt werden

täglich muß die Antwort noch vor uns sein

die Antwort muß ja sein können

wenn du nicht aufstehst Abel

wie soll die Antwort

diese einzig wichtige Antwort

sich je verändern

wir können alle Kirchen schließen

und alle Gesetzbücher abschaffen

in allen Sprachen der Erde

wenn du nur aufstehst

und es rückgängig machst

die erste falsche Antwort

auf die einzige Frage

auf die es ankommt

steh auf

damit Kain sagt

damit er es sagen kann

Ich bin dein Hüter

Bruder

wie sollte ich nicht dein Hüter sein

Täglich steh auf

damit wir es vor uns haben

dies Ja ich bin hier

ich

dein Bruder

Damit die Kinder Abels

sich nicht mehr fürchten

weil Kain nicht Kain wird

Ich schreibe dies

ich ein Kind Abels

und fürchte mich täglich

vor der Antwort

die Luft meiner Lunge wird weniger

wie ich auf die Antwort warte

Abel steh auf

damit es anders anfängt

zwischen uns allen

 

Gedicht: von Hilde Domin