Römische Entwicklungen
Die
Seligsprechung von Papst Pius IX
Was
bedeutet das für heute?
In
einem modernem Haushalt ist es üblich, dass Entscheidungen von allen
Mitgliedern der Familie, also nicht nur von den Eltern, oder gar nur vom männlichen
Elternteil, sondern auch von den Kindern, zumal wenn sie erwachsen sind,
mitgetragen werden. Weil wir durch das Sakrament der Taufe in das große Haus
der katholischen Kirche aufgenommen wurden, steht es uns zu, einige kritische
Anmerkungen zu machen über Entscheidungen der Kirchenführung wie jene, dem gläubigen
Gottesvolk ein neues Lebensmodell in Gestalt eines Seliggesprochenen zu präsentieren.
An
einem Sonntag des vergangenen Septembers wurden zwei Päpste, nämlich der
geliebte Papst des Konzils Johannes XXIII und eben auch erstaunlicherweise Pius
IX, der letzte Papst- König, wie er genannt wird, in den Himmel der
katholischen Seligen, demnächst Heiligen emporgehoben. (Giovanni Maria Mastai
Ferrretti, mit Papstnamen Pius IX - Pontifikat 1846– 1878)
Ist
gegen die Ehrung des ersten nichts einzuwenden, so erhob sich gegen die zweite
Wahl ein Proteststurm, vor allem von jüdischer Seite. Die Entrüstung
ging jedoch bald unter im allgemeinen Strom des Vergessens und der
Geschichtslosigkeit, die das Bewusstsein der Menschen von heute kennzeichnen.
Wir wollen also einige Fakten aus dem langen Pontifikat Pius IX in Erinnerung
rufen.
Gekrönt
knapp bevor ganz Europa von der national- bürgerlichen Revolution 1848-49 erschüttert
wurde, zeigte er sich zunächst für das Neue aufgeschlossen. Als die neue Zeit
ihn und seinen Kirchenstaat selbst überrumpelte und in Rom eine Republik
ausgerufen wurde, er in den Schutz des Königreichs Neapel flüchten musste und
nur mit Hilfe französischer Truppen seinen Papstthron wiedererlangte, machte er
eine Kehrtwende in Politik und geistiger Führung durch und behielt diese
Haltung bis zum Schluss bei. Verantwortlich für das Geschehene waren offenbar
die modernen Ideen, die von der Aufklärung und der Französischen Revolution
herrührten. So ließ er denn in einem förmlichen Beschluss knapp nach 1850
alle Theorien, die nach Liberalisierung aussahen, als Irrlehren verurteilen. Die
80 Verdikte wurden zusammengefasst im Syllabus errorum. Wer von seinen
Untertanen sich an solchem Teufelswerk wie Wahlen beteiligte, wurde mit
Exkommunikation bedroht .Schuld an seinem zeitweiligen Machtverlust waren
offenbar Juden und Patrioten. Erstere sperrte er wiederum ins Ghetto ein, gegen
Patrioten und Rebellen wütete der Henker. Noch heute wird in Ravenna auf einer
Tafel, angebracht an der Richtstätte, derer gedacht, die der Rachsucht des
Papstes zum Opfer fielen. Allgemeine Empörung rief eine Maßnahme von Mastai
Ferretti hevor: Er ließ nämlich dem jüdischen Elternpaar Mortara aus Bologna
das sechsjährige Kind Edoardo rauben, sperrte es im Vatikan ein und ließ es im
katholischen Glauben erziehen. Selbst die Bitten seiner apostolischen Majestät
Kaiser Franz Josephs fruchteten nichts - das Kind wurde nicht zurückgegeben.
Irrtümer
und Untaten des Monarchen Pius IX sind heute kaum noch bekannt, was in unsere
Zeit herüberwirkt ist eine gewichtige Entscheidung geistlicher Natur des
Papstes Pius IX. In einem Konzil ließ er das Dogma von der Unfehlbarkeit des
Papstes erarbeiten und setzte es gegen den anfänglichen großen Widerstand der
Kardinäle durch. 1870, im Jahr des Verlustes seiner weltlichen Herrschaft, verkündete
der Papst durch das Konzil: "Wenn der römische Bischof in höchster
Lehrgewalt (ex cathedra) spricht so besitzt er aufgrund des göttlichen
Beistands ... jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche
bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben
wollte" Wahrlich eine gewaltige Verankerung! Ein dank diesem Dogma mit der
Eigenschaft der Unfehlbarkeit ausgestatteter Papst muss sich gleichsam wie ein
Gefäß sehen, in das Gott höchstpersönlich seine Weisheit gießt und durch
welches er diese dem Christenvolk mitteilt. Daher also die starre Haltung in
Sittenfragen wie Empfängnisverhütung, Schwangerschaftsabbruch, Scheidung usw.,
die wir am Pontifikat Wojtylas zur Kenntnis nehmen müssen Das Dogma stattete
das Papsttum mit einer geistigen Machfülle aus, die bis dahin unerhört war,
und Macht ist es, was der polnische Papst liebt. Ja, wir haben Anlass zu
glauben, dass es gerade das Wagnis dieses Dogmas war, das dem umstrittenen Pius
IX die Seligsprechung einbrachte.
Betrachten
wir das bereits über 20 Jahre währende Pontifikat des
polnischen Papstes, so setzt uns eines immer wieder in Erstaunen: der
durchgehende Widerspruch zwischen Modernität und Traditionalismus. Zwei Seelen
wohnen in der Brust dieses Papstes. Während er durch die Form seiner Auftritte
und wohl auch durch vieles Zeitgemäße und Zukunftsweisende in seiner Botschaft
liberal denkende Menschen für sich gewinnt, bleibt er im Kern der Lehre
reaktionär und unbeugsam. So brachte der vergangene Sommer die schöne Bitte um
Vergebung, gerichtet vor allem auch an die Juden, für all das Unrecht, das im
Namen der Kirche begangen wurde. Kurz darauf aber folgte die Seligsprechung, von
er hier zu reden war, und darauf das Schreiben "Dominus Jesus", worin
der Primat der katholischen über die anderen christlichen Konfessionen bekräftigt
wurde, - nicht Schwestern seien sie, sondern Dienerinnen (ancillae).
Unverkennbar
ist, dass sich in den letzten Jahrzehnten der Griff der Kirche auf die
Gesellschaft gelockert hat. Schon rein personell vermag diese Organisation nicht
mehr den Aufgaben gerecht zu werden, die sie sich theoretisch immer noch stellt.
Längst ist der Staat überall dort eingesprungen, wo die Kirche über
Jahrtausende hinweg Bereiche des sozialen und geistigen Lebens besetzte, wir
sprechen von Bildung und Schule, Krankenpflege und Armenfürsorge. Die Betreuung
unseres Seelenlebens, früher vom Beichtvater wahrgenommen, ist in den Händen
des Psychotherapeuten, und selbst die Sterbebegleitung, einst Domäne der
Priester, ist professionell ausgebildeten Laien überlassen. Für die moralische
Führung ist das Strafgesetzbuch da, die Familienplanung besorgt die
Pharmaindustrie. Unsere Weltanschauung ist geprägt von der siegreich voran stürmenden
Wissenschaft, der die Kirche nichts entgegenzusetzen hat. Die Gesellschaft ist
nicht schlechter geworden, seit die große Befreiung von geistlicher
Bevormundung im Gang ist.
Was
also bleibt der Kirche? Verwirklicht sich die Wende hin zu einem atheistischen
Weltbild und geschieht damit wiederum eine ganz große Zäsur im geistigen Leben
der Menschheit nach dem Sich-Durchsetzen des Monotheismus gegenüber dem
Polytheismus in der sogenannten Achsenzeit (zwischen 1000 vor und 600 nach
Chr.)? Ist die katholische Kirche auf dem Weg, zur Sekte zu werden? (Eugen
Drewermann) Eines ist sicher. Wenn sie auf verlorenen Positionen beharrt und
verlorene Positionen stur verteidigt, wird ihr Verlust an Einfluss und leider
auch an Würde unaufhaltsam sein. Die Jubelmassen auf dem Petersplatz im
heurigen Jubiläumsjahr dürfen uns nicht über die wahre Lage hinweg täuschen.
Elisabeth
Höglinger, St. Ulrich
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Kardinalskonsistorium
für Mai einberufen Der
Papst will anscheinend Reformen Papst
Johannes Paul II. hat vom 21. bis 24 Mai alle gut 180 Kardinäle zu einem
Konsistorium, d.h. einer Kardinalsversammlung in den Vatikan einberufen. Es ist
das 6. Konsistorium in den 22 Amtsjahren des Papstes. Es dürfte es vor allem um
Reformen im Verhältnis zwischen der römischen Universalkirche und den
Ortskirchen gehen, dazu um weitere Schritte bei der Annäherung der
verschiedenen christlichen Kirchen, erklärten Vatikan-Insider. Es gehe um die
Zukunft und Struktur der Kirche. In Rom wurde dieser Schritt als Absicht des
Papstes zur wirklichen Reformen am Beginn des dritten Jahrtausends gewertet. Johannes
Paul II. hatte bereits mehrfach über mögliche Reformen im Verhältnis von
Papsttum zu den Bischofsversammlungen gesprochen. In seinem Apostolischen
Schreiben "Novo Millennio Ineunte" (Zu Beginn des neuen Jahrtausends)
Anfang Januar hatte er für Änderungen im Verhältnis zwischen Rom und den
Ortskirchen plädiert. Es gehe darum, die "Entscheidungen jeder einzelnen
Diözesangemeinschaft mit denen der benachbarten Kirchen und der Universalkirche
in Einklang zu bringen". Zugleich
betont das Schreiben aber die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber den
Weisungen der Bischöfe. Ausdrücklich heißt es darin aber, die Kirche folge
"bekanntlich nicht den Kriterien der parlamentarischen Demokratie".
Zur Annäherung der christlichen Kirchen bekräftigt der Papst in dem Brief, der
Dialog müsse weitergehen, wenn er auch mitunter schwierig sei. Im vergangenen
September hatte das Vatikan-Dokument "Dominus Iesus", das den Vorrang
der römisch-katholischen Kirche vor allen anderen Konfessionen betonte, für
erhebliche Kritik gesorgt. Es wurde von vielen als "Rückschlag in der Ökumene"
gewertet. |