Frauenpriestertum

Heute meist voll akzeptiert

 Kirche Intern - Interview mit der anglikanischen Priesterin Cathy Milford. Das Gespräch führte Marianne Haderer.

KI: Reverend, Sie gelten in der anglikanischen Kirche als Vorkämpferin für das Frauenpriestertum. Wann dachten Sie selber das erste Mal daran, Priesterin zu werden ?

MILFORD: Schon als ich im College war, reifte in mir dieser Wunsch. Nach meinem Abschluß in Geschichte an der Universität in Oxford, studierte ich ein Jahr Theologie und unterrichtete dann Religion an einem Mädchengymnasium in London. Als Frau brauchte ich eine bedeutend bessere berufliche Qualifikation, bevor ich überhaupt an ein Theologiestudium, bzw. an eine Weihe denken konnte. Als ich 1973 mit meinem Mann aus Uganda, wo ich neben meinen mütterlichen Pflichten - ich hatte für meine drei kleinen Töchter zu sorgen - Religion unterrichtete, zurückkam, siedelten wir uns in Bradford an und schlossen uns der örtlichen Pfarrgemeinde an. Da die Familie meines Mannes tief in der Anglikanischen Kirche verwurzelt war, konvertierte ich von den Methodisten zur Kirche von England, die bereits 1969 Frauen als Laienpredigerinnen zugelassen hatte. 1974 wurde ich also Laienpredigerin und begann, Wortgottesdienste zu leiten. Doch mein damaliger Bischof unterstützte mich in meiner Arbeit kaum. Als 1981 Rev. Geoffrev Paul zum Bischof von Bradford ernannt wurde, ermutigte mich dieser bedeutend mehr in meiner Arbeit. 1982 trat ich den "Deaconesses" bei. Dieser Laienorden wurde 1862 von Elizabeth Ferrard nach dem Vorbild der deutschen lutheranischen Diakonissen gegründet, die in den Städten während der Industriellen Revolution lebten und arbeiteten. Während der beiden Weltkriege schwand das Interesse daran, doch in den Achtzigerjahren erlebte die Diakonissenbewegung in England einen großen Aufschwung. 1987 wurde ich zur Diakonin geweiht; diese Weihe entsprach nun erstmals der Diakonatsweihe von Männern, die für gewöhnlich ein Jahr später zum Priester geweiht werden. 1992 wurde in der Generalsynode der Church of England für die Frauenordination gestimmt. Das House of Bishops und das House of Clergy unterstützten die Bestrebungen schon länger. Der massivste Widerstand kam von den Laien, vor allem einige mächtige Frauen waren strikt dagegen. Einige Domkapitel stemmten sich auch gegen die Frauenordination, weil sie fürchteten, Frauen könnten eine Bedrohung für die Tradition der Choralmusik in den Kathedralen sein, außerdem wollten sie keine Frauen als Leiterinnen von Gottesdiensten in den Kathedralen. Beide Ängste sind bereits überwunden. Nur die ansässigen Kanoniker leiten heute Gottesdienste an Wochenenden, und in manchen Kathedralen gibt es bereits Mädchenchöre.

KI: Das liegt nun alles bald ein Jahrzehnt zurück. Hat sich die Position der Priesterinnen in der anglikanischen Kirche gefestigt? Ist eine Priesterin am Altar heute schon etwas Selbstverständliches?

MILFORD: Es gibt zur Zeit etwa 2.500 Priesterinnen, manche davon arbeiten aber nur ehrenamtlich. Der konservative Flügel des Klerus reagierte vorerst sehr heftig. Sie bekamen beinahe einen Koller und die Bischöfe, anstatt sie zurechtzuweisen, gaben in manchen Dingen nach: Sie befragten zum Beispiel jede Pfarre, ob diese eine Priesterin haben wollten. Die meisten hatten keine Ahnung, was das im Detail bedeuten würde und sagten in Panik nein. Sie hätten ganz gerne einmal eine Priesterin als Aushilfe, aber nicht als ihren Pfarrer. Dann wurde ein System von überwachenden Bischöfen (flying bishops) eingerichtet: das waren aber ausgerechnet jene, die sicher keine Frauen weihen würden und die gegen weibliche Priester waren. Das alles verursachte ein echtes Chaos. 500 Priester der anglikanischen Kirche traten zurück und forderten Schadenersatz. Manche von ihnen spielten ein hässliches Spiel, um finanziell für ihre Pensionierung zu profitieren. Etwa zehn Prozent von diesen fünfhundert sind später wieder zur Church of England zurückgekehrt. Verheiratete Priester, die zur römisch-katholischen Kirche übertraten, durften dort aber nicht Pfarreien leiten, sie wurden eine Art Hilfspriester. Heute sind in den meisten Diözesen Frauen als Priesterinnen / Pfarrerinnen voll akzeptiert. Ausnahmen sind die Diözesen Chichester, Truro, Winchester und London. Für Frauen, die in diesen Diözesen als Priesterinnen arbeiteten, war und ist es sehr schwierig. Die meisten sind in andere Diözesen übersiedelt. Das ist ein Nachteil für diese Diözesen, weil sie nun auf die Erfahrung von Priesterinnen verzichten müssen.

KI: Welche Veränderungen haben die Priesterinnen in der anglikanischen Kirche bewirkt?

MILFORD: Insgesamt führen sie zu einer Verminderung der Klischeevorstellungen. Egal ob Mann oder Frau - sie bringen ihre persönlichen Werte in den Beruf ein. Das bringt die Kirche in eine stärkere Position, weil sie die Werte des einzelnen Individuums bestätigt. Die Kirche gewinnt an Ehrlichkeit und wird durch Frauen bereichert. In Landpfarreien wollen die Leute einfach ihren Pfarrer, es macht ihnen nicht allzu viel aus, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Frauen werden mittlerweile aber auch in höheren Stellungen akzeptiert - etwa als Kanoniker in Kathedralen (Kanoniker sind Mitglieder eines Domkapitels, Red.). So sind etwa Judith Rose in Rochester und Joy Tetley in Worchester bereits Erzdechanten und Vivian Faull ist Dekanin der Kathedrale in Leicester.

KI: In der römisch-katholischen Kirche  müssen Frauen noch immer auf die Zulassung zum Priestertum warten. Können anglikanische Priesterinnen diese Entwicklung der Frauenordination in der römischen Schwesterkirche irgendwie beeinflussen, vorantreiben?

MILFORD: Zur Zeit können wir dies nur durch ein stärkeres Anteilnehmen und eine gewisse Aufnahmebereitschaft hinsichtlich der Probleme der Frauen bei euch. Die nonkonformistischen Kirchen haben ja inzwischen alle schon weibliche Priester. In der Church of England sind Macht und Autorität besser verteilt als in der römisch-katholischen Kirche. In der seelsorglichen Praxis ist es auch so, daß in Dörfern, wo es nur eine anglikanische Kirche gibt, auch Menschen anderer Konfessionen unseren Gottesdienst besuchen.

KI: Welche Ratschläge würden Sie aus ihrer nun zehnjährigen Erfahrung den Frauen in der katholischen Kirche geben, die sich auf die Weihe vorbereiten?

MILFORD: Die Priesteramtsanwärterinnen müssen vor allem zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen, denn die Opposition kann zuweilen sehr grausam und hässlich sein. Die Erfahrungen der katholischen Frauen in England beweisen das leider. Schwester Lavinia Byrne, jetzt Studienleiterin der anglikanischen Kirche in Westcott House, Cambridge, wurde vom Papst wegen ihres Buches "Frauen am Altar" diszipliniert und verbannt und trat aus ihrem katholischen Orden aus. "Sie wollen über meine Ideen und Gedanken nicht einmal diskutieren", klagte sie mir. Professorin Mary Gray, Theologin an der La Sante Union, Southampton, eine römisch-katholische Lehrerausbildungsstätte, verlor ihren Posten, nachdem sie sich für das Frauenpriestertum eingesetzt hatte. Die Kirchenhierarchie schloß einfach das College. Mary Gray unterrichtet heute am unabhängigen Sarum College. Wir meinen, daß die römische Kirche im Unrecht ist, wenn sie Frauen den Zugang zum Priestertum verweigert. Über diese Angelegenheit gibt es keine Diskussion. Man könnte die Situation in den Kirchen mit dem Segeln vergleichen: wenn man in einer Yacht den Kurs wechseln möchte, gibt es einen Augenblick, wo die Segel flattern, bevor sie der neuen Richtung folgen und der Wind die Segel wieder bauscht - das ist in der Church of England geschehen. Die Wende kann aber auch eine sehr schroffe sein, wenn der Mast sich ruckartig wendet - und das könnte in der katholischen Kirche passieren.

KI: Vielen Dank für das Gespräch.

Kirche Intern 1/2001 S. 34/35

Cathy Milford, 56, anglikanische Pfarrerin in Barnham Broom in der Diözese Norwich in Mittelengland, hat die Bewegung für Frauenordination in der anglikanischen Kirche angeführt. Im November 1992 hat die General-Synode der anglikanischen Kirche mit großer Mehrheit beschlossen, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, im Frühjahr darauf wurden die ersten Dikoninnen zu Priesterinnen geweiht.

Cathy Milford gilt als "anchor woman", als Vorkämpferin und Gallionsfigur für die "women's ordination" in England. Sie gehört seit Mai 2000 dem Domkapitel von Norwich an. Die kämpferische Vikarin ist mit einem Physikprofessor verheiratet und hat drei erwachsene Töchter.

A  CELEBRATION OF WOMEN‘S CALL

TO A RENEWED PRIESTHOOD

IN THE CATHOLIC CHURCH

In der Republik Irland, im University College in Dublin findet heuer vom 29.6. – 1.7. die erste „Women‘s Ordination Conference„ mit Teilnehmerinnen aus aller Welt statt. Organisiert wird dieses Treffen zum Frauenpriestertum von   „Women‘s Ordination Worldwide„.