Wenn Affen
beten
Ein kleines Abc der Prozesstheologie
Gottes
Haus ist nicht der Raum, sondern die Zeit
- Von Arnulf Zitelmann
Affen,
die Handerhebungsgebete verrichten, findet man in der Kunst des Niltals als
Textillustrationen, auf Schmuckkragen oder auch auf manchen Reliefs, zum
Beispiel an der Stirn des Felsentempels von Abu Simbel. Affen beten also,
zumindest in Ägypten.
Ähnlich
wie im Niltal sieht man
auch in der Bibel die Tiere durchaus als Mitgeschöpfe des Menschen an: Löwen
und Raben suchen ihre Speise vor Gott, im Sabbatgebot werden Acker, Mensch und
Vieh unter Gottes Schutz gestellt. Jesaja, der Prophet, verheißt Mensch und
Tier gemeinsam den paradiesischen Frieden im Gottesreich.
Franz
von Assisi hat im Mittelalter diese Aussagen der Bibel seinem
"Sonnengesang" zugrunde gelegt. In seinem Lied sieht er, durchaus
biblisch, alles Geschaffene in Bewegung auf Gott zu. Ja, nicht allein Mensch und
Tier, sondern auch Sonne Mond und Sterne, Wind und Feuer, alle Elementarkräfte
also, haben nach Franziskus teil an dieser unendlichen Bewegung.
Angezogen von der göttlichen Kraft wächst die Schöpfung im Gotteslob
über sich hinaus, transzendiert und überschreitet endlos sich selbst und eilt
so ihrem Ziel, dem göttlichen Sein, der versöhnten Zukunft entgegen.
Diesen
Prozess meine ich, wenn ich hier von der Prozesstheologie rede. Sie geht von der
Voraussetzung aus, dass der ganze kosmische Prozess unterwegs
ist in eine Zukunft, die zuletzt bei Gott ihre Vollendung findet. Dann nämlich
wird Gott "alles in allem" sein, schreibt Paulus, und das kann
man auch umgekehrt lesen: Gott und Schöpfung, Diesseits und Jenseits
verschmelzen in einer Art universaler Rückkopplung, und der erste Tag der neuen
Schöpfung, von der Bibel so oft beschworen, bricht an.
Unter
dem Aspekt dieses Flucht- und Zielpunktes einer universalen Rückkopplung
gewinnt diese Prozesstheologie ihre Aussagen im Detail.
Ihre
wichtigste, zugleich kritische Aussage lautet hier, dass Gottes Haus nicht der
Raum ist, sondern die Zeit.
Nun
kann man doch wohl auch annehmen, dass speziell der Baum des Lebens nicht allein
auf unserem Planeten Wurzeln geschlagen hat.
Die Überlegungen der Astrophysiker, Chemiker, sowie extraterrestrischen
Biologie legen gegenwärtig eher nahe, Leben im kosmischen Prozess für den
normalen Regelfall zu halten. Demnach müßte der Kosmos also endlos überquellen
mit Leben, mit Materie, die sich über sich selbst informiert, statt nur wie ein
totes Feuerwerk auseinanderzufliegen.
Aber
ich fürchte, die Theologie macht sich nicht mit hinreichender Kraft deutlich,
dass sie mit ihren Denkmustern naiver weise oder doch stillschweigend immer noch
einem geozentrischen und dann überdies noch anthropozentrischen Weltbild
verhaftet bleibt.
Wie
die Mose-Schar auf dem Marsch durch die Wüste der Feuersäule Jahwes folgte, so
sieht die Prozesstheologie Gott als Zug- und Schubkraft den ganzen kosmischen
Prozess durchdringen. Unter seiner Anziehungskraft gestaltet sich die Materie
immer beziehungsreicher, also komplexer, bis sie schließlich beginnt, sich
selbst zu steuern und zu organisieren. Die Geschichte des Kosmos stellt sich der
Prozesstheologie
sozusagen als Lernvorgang, als offener Lernprozess dar, dessen Ziel es
ist, die eigene Entwicklung, seine Geschichte selbst zu steuern und zu
bestimmen. Und
an diesem universalen Lernprozess hat alles teil, von den Elementarteilchen über
die singenden Wale bis hin zum menschlichen Bewußtsein.
Alles überschreitet, transzendiert sich, entwirft sich nach vorn,
angezogen von der Zukunft Gottes, der die Schöpfung geschaffen hat, um sie in
sich zu vollenden.
Die
Freiheit vom Gesetz beginnt bei Paulus mit Jesus. Mit ihm tritt die Menschheit
in einen neue Abschnitt ihrer planetarischen Geschichte ein, in das Zeitalter
des Geistes. Und das bedeutet für Paulus, dass an die Stelle des
Gesetzesgehorsams nun die Entwicklung der Liebesfähigkeit tritt.
Die
biologische Evolution, die wir mit Darwins Namen verbinden, wird weiter nach
vorn getragen durch die Bewusstseinsevolution.
Aus dem Konkurrenzprinzip der Natur wird das Kommunikationsprinzip der
Geschwisterlichkeit.
An
dieser Stelle, so sehe ich es, wird die Prozesstheologie zur Religionskritik.
Sie sagt dem alten, suggestiven Gottesbild ab, wonach Gott oben über den
Menschen thront, und sie setzt statt dessen auf eine Gotteserfahrung, die im
zeitlichen Miteinander der Liebe ihre Herausforderung, Transzendenz und Selbstüberschreitung
sieht. Liebe verträgt sich nicht mit dem Über- oder Untergeordnetsein.