Bibelecke

Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder und Schwestern?

Jesus ging in ein Haus und wieder kamen so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal mehr essen konnten. Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. .... Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn heraus rufen. Es saßen viele Menschen um ihn herum und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter. Mk 3,20.21,30-35.

Die Reaktion der Verwandschaft Jesu ist durchaus verständlich. Sie möchten ja nicht ins Gerede und in Verruf kommen. Schließlich hat der Mann aus Nazaret durch seine unkonventionelle Umgangsweise und seine Heilungen für Aufsehen gesorgt. Neben den Fremden, die auf ihn schwören, gibt es wohl auch schon einige von der einflussreichen Sorte, die ihn anfeinden. ... Vielleicht möchten die Seinen ihn ganz einfach überreden heimzugehen, um ihn so zu schützen.

Jesus verleugnet nicht seine Mutter und seine Herkunftsfamilie. Ich kann keinen verletzenden, aggressiven Ton aus seiner Frage "Wer ist ...? herauslesen, wie es mitunter hinein interpretiert wird. Markus will seiner Gemeinde und uns vielleicht sagen, dass es neben der Blutsverwandschaft noch eine andere, sogar stärkere und intensivere gibt, nämlich jene im Glauben. Die Annahme des "Abba Gottes vermag eine neue Identität zu geben. Wer den Willen Gottes tut, der sieht sich und die Mitmenschen anders, er spürt eine geistige Nähe und Verwandschaft. Aus diesem Grund werden wir im Gottesdienst als "Brüder und Schwestern angesprochen. In Ordensgemeinschaften ist diese Anrede noch expliziter.

Aber daraus ergeben sich auch Fragen: Ist die Kirche, die Pfarre ein Zuhause, eine Familie? Wird Leben ermöglicht? Wie intensiv sind Beziehungen? Gelingt partnerschaftliches und geschwisterliches Geben und Nehmen? Und der Umgang mit Spannungen, mit Versagen?

Die Auseinandersetzung mit diesen zwei Stellen aus Markus bietet einen willkommenen Anlass, Kirche unter dem Gesichtspunkt einer Familie zu betrachten und ihr so im Sinne Jesu ein Qualitätssiegel zu geben. Es versteht sich von selbst, dass Frauen in einer solchen Kirche wichtig, ja unverzichtbar sind.

Herbert Peintner