In der Frauenliturgie bei der letztjährigen Seelsorgetagung brachten Frauen Impulse, Fragen und Anregungen zur Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (Röm 8,9-17) vor. Folgende Vision bildete den Abschluss.
Für Paulus ist die Gemeinde von Rom, an die er seinen Brief schreibt, eine neue Gemeinschaft, geführt und bestimmt durch Gottes Geist. Ihre Wesenszüge sind Lebendigkeit und Geschwisterlichkeit, das Frei-Sein von Knechtsgeist und Furcht. Von Gottes Geist angerührt sind auch wir unterwegs zu einer neuen Gemeinschaft. Freilich muss diese neue Gemeinschaft ihre Gestalt erst finden, doch es ist wie bei einer Schwangerschaft: das neue Leben ist schon da, lange bevor es nach außen hin sichtbar ist und Amts-kundig wird. Es ist schon da.
Wie bei einer Schwangerschaft, so löst auch dieses Neue zuerst vielleicht nicht nur Jubel aus, sondern Ratlosigkeit und Erschrecken, es wird von manchen sogar als Bedrohung angesehen. Denn es bringt viel Veränderung mit sich, zwingt zum Umdenken und Umstellen. Aber das neue Leben ist da, es wird weiter wachsen und sich regen und eines Tages offenbar werden.
Mutter Kirche trägt in ihrem Schoß dieses neue Leben, das unter uns geboren werden will. Keine leichte Schwangerschaft und voraussichtlich keine einfache Geburt, denn Mutter Kirche ist alt und in manchem recht starr und unbeweglich beworden. Es wird kluge Hebammen brauchen und auch geschickte Geburtshelfer, die, von Gottes Leidenschaft für Gerechtigkeit angesteckt, diesem Neuen zum Leben verhelfen. Wir wissen noch nicht, welche Gestalt es haben wird, wir haben nur eine Ahnung und einen Traum.
Damit verbindet sich die unaufgebbare Hoffnung und Zuversicht, dass wir als neue Gemeinschaft im Geist der Kindschaft und in echter Geschwisterlichkeit rufen dürfen: Abba, du unser Vater und unsere Mutter.
Brigitte Siller-Grießmair