Das aktuelle Interview

Gottebenbildlichkeit der Frauen

Interview mit Brigitte Siller-Grießmair im Treffpunkt RAI Sender Bozen vom 8.12.99 zum "Frauen-Herdenbrief"

Treffpunkt Sender Bozen: Frau Siller-Grießmair, der dritte Herdenbrief wirft eine Menge Fragen auf, zum Beispiel zur Bibel: Da steht im Herdenbrief, die Bibel ist für Frauen ein zwiespältiges Buch. Seit Tausenden Jahren haben ihre Schriften Frauen gestärkt und getröstet. Ebenso lange wurden sie herangezogen, um die Unterdrückung von Frauen zu rechtfertigen.

Brigitte Siller-Grießmair: Ja, der Herdenbrief greift damit ein Thema auf, das in der feministischen Theologie schon lange diskutiert wird: einerseits der sehr stark männerzentrierte Aspekt der Bibel und andererseits auch, dass die Bibel grundsätzlich nicht Frauen unterdrückend ist, sondern in vielen Texten Gott als denjenigen zeigt, der für die Rettung und Befreiung der Frauen eintritt, so dass Bibel auch die Heilsgeschichte Gottes mit Frauen und durch Frauen darstellt.

Frauenfiguren in der Bibel, die wurden ja erst in den letzten Jahren wieder entdeckt.

Es ist das große Verdienst der feministischen Theologie, auf diese großen Frauengestalten der Bibel aufmerksam gemacht zu haben. Leider sind sie noch nicht allgemein bekannt, weil gerade die Frauen des Ersten Testaments in den Lesungen der Sonntage so gut wie gar nicht vorkommen.

Ein weiteres Kapitel im Herdenbrief ist den Marienbildern gewidmet. Ein Zitat: "Allzu oft wurde die Magd des Herrn verwendet, um Frauen zu Mägden aller möglichen Herren zu machen Worauf möchte dies hinweisen?

Dieses Kapitel weist darauf hin, dass die marianischen Traditionen oft dazu benützt wurden, um Frauen auf Unterwürfigkeit, geduldiges Ertragen und Leiden festzuschreiben. Es sei daran erinnert, dass unser Bischof in seinem Hirtenbrief "Denkt an die fünf Brote schreibt, ein Frauenbild, das aus Marias Bereitschaft zum Dienen die Unterordnung der Frauen ableitet, gehe an den Aussagen der Bibel vorbei. Offenbar ist diese Mahnung nicht unbegründet.

Ja, wer war denn dann Maria wirklich?

Wir müssen sehen, dass die Notizen der Bibel über Maria spärlich sind und dass sie sicher auch selektiv gelesen wurden. Heute wird mehr die prophetische Maria betont, jene Frau die das Magnifikat singt und darin Gott preist, der auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht und die Ordnungen dieser Welt überwindet und umstößt.

Gottesbilder: ist Gott männlich oder weiblich? Auch das eine Frage, die immer noch bei vielen Menschen Empörung auslöst. Aber im Herdenbrief wird ganz offen darüber gesprochen und vorgeschlagen, wie mit Gottesbildern zum Beispiel in der Messfeier behutsam umgegangen werden kann.

Die Frage der Gottesbilder wird schon länger diskutiert, und zwar nicht nur im christlichen, sondern auch im jüdischen Raum. Frauen haben erkannt, dass es eine Wechselwirkung gibt zwischen den männlichen Gottesbildern und der Vorherrschaft der Männer in der Gesellschaft. Wenn Gott nur in männlichen Bildern ausgedrückt wird, dann bedeutet das ja auch, dass allein das Männliche geeignet ist, Göttliches auszudrücken und das Weibliche nicht geeignet und damit minderwertiger.

Dabei enthält die Bibel sehr wohl auch weibliche Gottesbilder. Und an einer Stelle, nämlich beim Propheten Hosea wird das Missverständnis, Gott mit dem Männlichen gleichzusetzen, ausdrücklich durchgestrichen. Es heißt dort: "Gott bin ich und kein Mann. Aber diese Stelle wird meist falsch übersetzt.

Und diese neue Sprache, oder ein neues Gottesbild soll dann auch in der Messfeier Eingang finden.

Frauenliturgien bemühen sich bereits, Gottesbilder zu verwenden, die auch die Gottebenbildlichkeit der Frauen spüren lassen und Gott nicht einengen.

Frauenliturgien. Auch das ein Kapitel im 3. Herdenbrief. Es ist da die Rede von Frauengottediensten, die zum Teil als Ausnahmegottesdienste bezeichnet werden.

Hier in unserer Diözese haben wir im vorigen Jahr begonnen, Frauenliturgien zu feiern. Das sind Wortgottesdienste, für die jeweils ein bestimmtes Thema gewählt wird. Weil dabei in einem kleineren Kreis gefeiert wird, ergeben sich mehr Möglichkeiten als bei einer üblichen Liturgie. Natürlich wird auf frauengerechte Sprache geachtet. Symbole finden reiche Verwendung, Tanz wird meistens mit hineingenommen und es wird sehr leib-haftig gefeiert. Wichtig ist auch der Segen, den Frauen sich gegenseitig zusprechen.

Könnte man im Dorf die Messfeier durch eine solche Liturgie ersetzen? Oder Männer dazu einladen?

Frauenliturgie ist immer eine Wortgottesfeier und will nicht die Eucharistiefeier ersetzen. Frauen empfinden es als sehr wohltuend, unter sich zu sein und in der Liturgie das eigene Leben zur Sprache zu bringen. In Frauenliturgien sind Frauen selbst die Gestaltenden, sie sind Subjekte dieser Liturgien. Das ist ihnen sonst ja verwehrt.

Eben, dieses Kapitel wird im Herdenbrief als letztes angesprochen, nämlich der Zutritt der Frauen zu den Weiheämtern. Diesbezüglich wurde in den vergangenen Jahren viel darüber geredet. Wie ist der Stand der Diskussion?

Zur Frage der Ordination der Frauen gibt es mehrere lehramtliche Äußerungen. Vielleicht ist es ganz interessant, dass schon 1975 die Bibelkommission beauftragt wurde, zu prüfen ob die Weihe von Frauen von der Bibel her möglich sei. Zwölf der 17 Mitglieder dieser Kommission, waren der Meinung, Frauen könnten zum Priesteramt zugelassen werden. Doch die Glaubenskommission hat diese Ergebnisse weder veröffentlicht noch beachtet.

Was bedeutet das jetzt für die Initiative für eine lebendigere Kirche?

Ordination ist sicher nicht der Wunschtraum einer großen Schar von Frauen. Aber für jene, die es betrifft, ist es natürlich schmerzlich, zu sehen, dass auf der einen Seite um geistliche Berufe geworben und gebetet wird und andererseits die Berufung von Frauen überhaupt nicht zählt.

In Österreich hat eine Gruppe von Frauen ja schon begonnen, sich in einem mehrjährigen Ausbildungslehrgang auf diesen Beruf vorzubereiten.

Mit dem Herdenbrief ist gleichzeitig auch ein Begleitbuch herausgekommen, in dem die Wut, die Trauer, der Ärger, das Gefühl der Ohnmacht, aber auch die Hoffnung und Zuversicht von Frauen zum Ausdruck kommen. Wie ist dieses Buch entstanden?

Da gab es zuerst einen Vorentwurf und die Einladung an Frauen, sich zu Wort zu melden, Änderungsvorschläge einzubringen, Forschungsergebnisse oder persönliche Kirchengeschichten mitzuteilen. Und das Ergebnis ist ein sehr berührendens und bewegendes.

Von der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche hört man in letzter Zeit nicht so viel. Ist die Energie ausgegangen, oder wie geht es weiter?

Das Weiterarbeiten ist ja nicht immer ganz leicht. Es kostet Kraft und Ausdauer. Viermal im Jahr kommen die "Impulse von unten heraus, also gibt es immer wieder Lebenszeichen. Und dann ist die Initiativgruppe eingebunden in die große Kirchenvolksbewegung, die es in vielen Ländern gibt.

Frau Siller-Grießmair, der dritte Herdenbrief ist an alle Mitglieder von Gottes Herde, und darin eingeschlossen auch an den Bischof gerichtet. Was erwarten sie sich von den offiziellen Amtsträgern?

Zunächst einmal, dass sie den Brief lesen. Und dann, dass sie das, was Frauen darin mitteilen, nicht einfach auf die Seite schieben.

Dankeschön für das Gespräch.