Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit

Internationale Dekade

Wir wissen heute nicht mehr, wann sich das Bewusstwerden der Zeit in unserem Denken entwickelt hat. Schon immer waren wir in Raum und Zeit gestellt. Seit jeher bestimmten Morgen und Abend, wechselnde Jahreszeiten, sich wiederholende Zyklen Anfang und Ende unser Leben. Unsere Erfahrungen messen wir mit Hilfe der Zeit. Anfangs waren es Kerben in Holz oder Stein geritzt, die Menschen dabei halfen. Jetzt stützen wir uns auf die Erfindungen von Kalendern und Uhren.

Im Laufe der Entwicklung haben wir begonnen, Zeit zu messen und zu bestimmen. Jede Kultur auf verschiedene Art und Weise. So ist das beginnende Millennium von keiner besonderen Bedeutung im jüdischen Kalender oder im Kalender der Mayas. Auch im Islamischen Kalender oder in der Chinesischen Zeitrechnung bricht kein "Millenniumfieber aus. Aber weil wir durch die elektronische Technologie global verbunden sind, ist ein Großteil von uns bereit, die Zahl 2000 für das Neue Jahr zu verwenden und als das Ende einer Periode und den Beginn einer neuen Periode zu betrachten.

Seit jeher liebten wir es auch zu ritualisieren, uns zu erinnern und zu feiern. Rückschau und Ausblick gehören nun einmal zum Jahreswechsel.

Rückschau erfordert Bilanz ziehen, privat - aber auch kollektiv. Können wir als Menschheit wirklich einen Gewinn verbuchen auf dem humanitären Habenkonto? Kriege, Not und Gewalt beherrschen uns weiterhin, das müssen wir als ehrliche Realisten bekennen. Vergangenes lässt sich nicht mehr verändern, doch Zukunft wird im Jetzt gestaltet.

Das Jetzt, die Gegenwart, das ist der Ausblick. Wäre unser so gefeierter Datumswechsel nicht eine passende Gelegenheit, uns auf einen Menschheitstraum zu besinnen? Gibt es denn einen Grund, nicht davon zu träumen, wie die Welt ohne Kriege, ohne Waffen und ohne Gewalt wäre? Gibt es einen vernünftigen Grund, der uns hindern könnte, mitzubauen an der Verwirklichung dieses Traumes?

Schon 1997 haben die Friedensnobelpreisträgerinnen und Friedensnobelpreisträger einen Appell an die Staatsoberhäupter der Mitgliedsstaaten der Vollversammlung der Vereinten Nationen gerichtet.

Aufruf der Friedensnobelpreisträgerinnen und Friedensnobelpreisträger

Für die Kinder dieser Welt

An die Präsidenten aller Staaten der UNO Generalversammlung

Stilles Leid von Kindern finden wir in allen Ländern der Welt, verursacht durch die Folgen von Gewalt.

Diese Gewalt hat viele Gesichter:

Gewalt zwischen Kindern auf der Straße, Gewalt in der Schule, in Familie und Gesellschaft: physische Gewalt, psychische Gewalt, Gewalt als Folge von sozialer und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit, Gewalt durch Umweltzerstörung und politische Gewalt. Viele Kinder - zu viele Kinder - leben in einer "Kultur der Gewalt".

Wir wollen helfen, ihr Leid zu verringern. Wir glauben, jedes Kind kann erkennen, dass Gewalt vermeidbar ist. Schenken wir Kindern und der ganzen Menschheit Hoffnung mit dem Beginn und Aufbau einer neuen "Kultur der Gewaltlosigkeit".

Daher richten wir diesen ernsten Appell an alle Präsidenten der Mitgliedsländer der UNO Generalversammlung,

Während dieses Jahrzehnts soll auf jeder Ebene unserer Gesellschaft Gewaltlosigkeit gelehrt werden, um den Kindern der ganzen Welt die wirkliche, praktische Bedeutung und die Vorzüge der Gewaltlosigkeit im täglichen Leben bewusst zu machen, um so die Gewalt, die gegen sie und die Menschheit in vernichtender Weise ausgeübt wird und das daraus entstehende Leid zu vermindern.

Gemeinsam können wir an einer neuen Kultur der Gewaltlosigkeit in der Welt bauen und so zur Hoffnung werden für die Menschheit, insbesondere für die Kinder dieser Welt.

1. Juli 1997

Die Friedensnobelpreisträger und Friedensnobelpreisträgerinnen


  1. Im Dezember 1997 erklärte die UNO Generalversammlung auf Antrag der UNESCO das Jahr 2000 zum "Internationalen Jahr für eine Kultur des Friedens".
  2. Im November 1998 beschloss die UNO Generalversammlung einstimmig, die Jahre 2001-2010 zur "Internationalen Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die Kinder dieser Welt zu erklären.

"Gemeinsam können wir an einer neuen Kultur der Gewaltlosigkeit in der Welt bauen und so zur Hoffnung werden für die Menschheit, insbesondere für die Kinder dieser Welt."

Soll dies wirklich nur der Traum weniger exklusiver Nobelpreisträger und Nobelpreisträgerinnen bleiben? Nein, denn die 55. Vollversammlung der Vereinten Nationen hat im November des Jahres 1998 diesen Appell angenommen und eine internationale Dekade des Friedens und der Gewaltlosigkeit für das neue Jahrtausend ausgerufen.

Mittlerweile hat dieser Traum weltweite Zustimmung erfahren.

Das Jahr 2000 soll nun für uns alle ein Neubeginn sein. Nur miteinander können wir die Kultur der Gewalt in eine Kultur der Gewaltlosigkeit und des Friedens verwandeln. Es erfordert die Mitarbeit aller. Es eröffnet der Jugend und den zukünftigen Generationen Werte, die sie inspirieren, eine Welt zu gestalten, wo Würde, Gerechtigkeit, Solidarität und Harmonie herrschen.

Hier nun möchten wir Sie, liebe Leserin, lieber Leser, zu nebenstehendem Vorsatz einladen.

Ein persönlicher Vorsatz

Ich weiß um meinen persönlichen Beitrag und die Verantwortung für die Zukunft der Menschheit, besonders für die Kinder jetzt und für zukünftige Generationen. Ich verpflichte mich - in meinem täglichen Leben, in meiner Familie, bei meiner Arbeit, in meiner Gemeinde, meinem Land, meiner Region zu folgendem:

  1. Leben und Würde jeder Person zu respektieren ohne Vorurteile oder Diskriminierung
  2. Aktive Gewaltlosigkeit zu üben und Gewalt in allen Formen - physische, psychologische, sexuelle, wirtschaftliche und soziale - abzulehnen, besonders gegenüber Kindern und Jugendlichen, die verletzlich sind.
  3. Meine Zeit und meine materiellen Güter zu teilen, und zwar in einem Geist der Großzügigkeit, um ökonomischer und politischer Unterdrückung und Ungerechtigkeit ein Ende zu setzen.
  4. Meinungsfreiheit und kulturelle Verschiedenheit zu verteidigen und dem Dialog und dem Zuhören Vorzug zu geben anstatt dem Fanatismus, der Diffamierung und der Ablehnung der Anderen.
  5. Verantwortungsvolles Konsumverhalten zu fördern und ebenso wirtschaftliche Entwicklungen, die alle Formen von Leben respektieren und das Gleichgewicht der Natur erhalten.
  6. Zum Wachstum meiner Gemeinde beizutragen, mit dem Respekt für demokratische Prinzipien und der vollen Mitbeteiligung von Frauen, um gemeinsam neue Formen der Solidarität zu entwickeln.


Wir bitten Sie, liebe Leserin und lieber Leser, diesen Vorsatz zu reflektieren und uns Ihre eigenen Gedanken und Ideen darüber zu schreiben, wie Sie vorhaben und planen, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit zu fördern. Ihre Antwort kann in Form eines Gedichtes, eines Kunstwerkes, eines Textes sein. Wir hoffen, Ihre Beiträge in zukünftigen Impulsen veröffentlichen zu können. Danke.

Isabella Engl