Zukunft der Kirche im 3. Jahrtausend

Hoffnung auf ein neues Pontifikat?

Hans Rotter SJ zu Fragen der Kirche am Beginn des 3. Jahrtausends

Welche Zukunft hat die Kirche am Ende des 2. Jahrtausends? Gilt Jesu Verheißung, die im Innern der Peterskuppel verewigt ist: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen" auch heute? Wird die Kirche daher die Kraft finden, die Zeichen der Zeit zu verstehen und sich entsprechend zu erneuern? Oder wird sie erstarren und ihre eigentliche Aufgabe gegenüber dem heutigen Menschen nicht mehr wahrnehmen können? Diese und ähnliche Fragen stellen sich für jene Menschen, denen die Kirche noch etwas bedeutet. Wir stehen am Ende eines Pontifikats, des längsten in diesem Jahrhundert, das viele Probleme verdrängt hat, und die nun nach einer dringenden Lösung verlangen.

Rund 100 Personen sind am 21. Oktober der Einladung der Initiativgruppe für eine lebendigere Kirche und der Cusanus Akademie gefolgt und haben die Ausführungen von Univ.-Prof. Dr. Hans Rotter SJ mit Spannung aufgenommen und sich rege an der anschließenden Diskussion beteiligt. Zunächst stellte Rotter fest, dass die gewaltigen Veränderungen in den letzten 50 Jahren auch eine religiöse Krise hervorgerufen haben. Diese Herausforderung betrifft alle Lebensbereiche des heutigen Menschen, besonders aber den Glauben und die Spiritualität. Damit verbunden sind jedoch auch strukturelle Fragen, die ebenfalls einer Lösung bedürfen und der heutigen Zeit angepasst werden müssen. Und hier wurde er konkret.

Zunächst einmal sprach er die Verfassung der Kirche an. Das erste Vatikanische Konzil (1869-1870) hatte zwei große Fragen zu bewältigen, nämlich jene nach der Stellung von Papst und Episkopat in der Kirche. Was den Papst betrifft, wurde das Dogma der Unfehlbarkeit beschlossen. Die Stellung und die Zuständigkeiten der Bischöfe dagegen wurden nicht mehr behandelt, weil das Konzil wegen des deutsch-französischen Krieges und des Endes des Kirchenstaates vorzeitig abgebrochen wurde. Und dieses Problem wurde auch beim Zweiten Vatikanischen Konzil nicht ausführlich behandelt. So ergibt sich die Tatsache, dass die Stellung der Bischöfe in den folgenden Jahrzehnten geschwächt wurde und der Vatikan immer mehr seine Machtbefugnisse erweitern konnte. Und dies, obwohl auch das Dogma der Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramtes davon ausgeht, dass der Papst im engen Kontakt mit dem "sensus Ecclesiae" (=Das Empfinden des Volkes) bleiben muss. Dies ist heute in vielen Fragen nicht mehr der Fall. Die Gewaltenteilung ist eine große Errungenschaft der Aufklärung und bietet einen Schutz gegen die Willkür der Mächtigen. Die Kirche ist zwar hierarchisch geordnet, aber es gab und es gibt seit dem Beginn des Christentums demokratische Formen, wie z.B. die Wahl der Ordensoberen und die Zuständigkeit der Kapitel (Versammlung der Klostergemeinschaft) bei wichtigen Entscheidungen. Es gab Zeiten, wo Volk und Klerus den Papst wählten und auch die Bischöfe wurden vielfach nicht ernannt, sondern gewählt. Die derzeitige Machtfülle des Vatikans entspricht nicht dem Geist des Evangeliums. Deshalb ist auch in der Kirche eine Teilung der Gewalt (Vollziehende Gewalt, Gesetzgebung und Rechtsprechung) möglich und sinnvoll. Zu überlegen wäre eine Beschränkung der Amtszeit der verschieden Dienste, angefangen von den höchsten bis zu jenen Diensten, die Kreativität und Energie erfordern.

Auch eine Reform der römischen Kurie wäre längst fällig, die sich nicht auf Reduzierungen und Aufstockungen bestehender Strukturen beschränken soll, sondern sich als Partner fühlt und einen fruchtbaren Dialog möglich macht. Vor allem aber sollten die Kurienbeamten mit der Basis in Kontakt bleiben und die Lebensbedingungen der Menschen kennen.

Der mangelnde Nachwuchs bei den Priester- und Ordensberufen ist ein eindrucksvolles Zeichen der religiösen Krise. Dabei bräuchte gerade der heutige Mensch angesichts des Materialismus und Konsumismus eine intensive seelsorgliche und begleitende Hilfe, was bei der Überalterung und Überarbeitung des heutigen Klerus nicht möglich ist. Auch hier bräuchte es Phantasie, Kreativität und Mut zum Neuen. Die viri probati (verheiratete Männer, die sich in Familie und Beruf bewährt haben) und das Diakonat für die Frau wären konkrete Hilfen, die keine großen Änderungen erfordern würden, weil sie in der Geschichte der Kirche schon da waren.

Die Stellung der Frau in der Kirche ist eine Diskriminierung und entspricht nicht mehr ihrer Bedeutung in der heutigen Gesellschaft. Da helfen auch große Worte großer Männer über Frauen nichts. Das Weibliche fehlt in der Theologie, in der Gemeinde, in der Weltkirche. Dabei würden wir staunen, wie viele Menschen übrig blieben, wenn die Frauen wegblieben. Wir müssen der Frau auch in der Kirche jenen Platz geben, der ihr zusteht und der sie auch in sämtlichen Gremien kirchlicher Organe vertreten sieht.

Soweit Fragen der Strukturen. Wobei klar sein muss, dass die Strukturen letztlich nur dem Menschen dienen müssen und dem Geiste Jesu entsprechen sollen, wenn wir uns auf ihn berufen wollen. Eingehender hat sich dann Rotter mit Fragen der Sexualität beschäftigt. Die Stellung der Kirche zur Sexualität ist von außen schon in den ersten christlichen Jahrhunderten negativ beeinflusst worden. Die Feststellung, dass jede Sünde gegen die Sexualmoral ein schweres Vergehen sei, ist der beste Beweis dafür. Eine Entkrampfung hat seit dem 2. Vatikanischen Konzil zwar stattgefunden, aber es gibt noch immer Fragen, wo der "sensus Ecclesiae" total fehlt. Das betrifft z.B. die Empfängnisverhütung. Angeblich halten sich 80% der christlichen Paare nicht an die kirchlichen Anweisungen. Bei den Moraltheologen sollen es sogar 90% sein, die nichts von dieser sittlichen Regelung halten. Bei Fragen der Homosexualität sind in der Vergangenheit schwere Fehler begangen worden. Statt solchen Menschen zu helfen hat man sie mit Schuldgefühlen belastet und in Einzelfällen sogar zum Selbstmord getrieben. Was den Zölibat betrifft, ist auch hier ein Umdenken nötig und die Freistellung anzustreben.

Das letzte Thema war die Ökumene. Auch hier muss man feststellen, dass die "Basis" viel weiter in der Bereitschaft zum gemeinsamen Feiern und Handeln ist als die Amtskirche. Daher ist auch hier mehr Mut und mehr Phantasie gefragt. In der anschließenden Diskussion stellte ein Teilnehmer die Frage, woher der Referent den Optimismus nehme, dass aus der nächsten Papstwahl die richtige Person hervorgehe, die bereit sei, die nötigen Reformen durchzuführen. Rotter wies darauf hin, dass bei den letzten Papstwahlen das zu Ende gehende Pontifikat für die Wähler ein Anlass gewesen sei, eine Kurskorrektur vorzunehmen. Optimismus statt Resignation sei also geboten.

Willi Rotter