Eine Einladung zur Auseinandersetzung

Das scheinheilige Jahr 2000

Die katholische Kirche hat für das Jahr 2000 ein sogenanntes Heiliges Jahr ausgerufen. Ein Jubiläumsmarathon und Kinder aus aller Welt haben in Rom nach der Eröffnung der Heiligen Pforte den Reigen der Jubiläumsfeierlichkeiten eingeläutet. Wir werden staunen, was noch alles kommt. Papst Johannes Paul II hat all seine psychische und physische Energie in dieses Projekt gesteckt. Die Südtiroler Kirche gibt sich zwar etwas zurückhaltender, kann und will sich dem Heiligen Jahr aber nicht ganz entziehen.

Es wird wohl ein scheinheiliges Jahr werden. Die Flucht zur Darstellung nach außen Renovierung der Fassade des Petersdomes und der Sixtinischen Kapelle - soll die gravierende innere Krise der Kirche für wenigstens ein Jahr vergessen lassen. Der Vatikan hat sich herausgeputzt. Das Geschäft mit dem Tourismus boomt. Die Investitionen müssen sich rechnen. Die Heiligen Jahre waren immer schon vorteilhaft für die Kirchenkassen. Daß die ca. 30 Millionen Pilger zu einer ungeheuren Verkehrsbelastung und einer ökologischen Katastrophe für Rom werden könnten, erschreckt den Bürgermeister von Rom, hat aber für die Kirchenleitung nur untergeordnete Bedeutung. Ins Gewicht fällt ebenso wenig, daß im alttestamentlichen Jubeljahr keine spezielle Wallfahrt ins Zentrum des Judentums, d.h. nach Jerusalem vorgesehen war. Mir scheint, daß es vor allem um die Darstellung der universalen und triumphierenden katholischen Kirche und um das alles überragende Papsttum geht. Der 2000ste Geburtstag Jesu ist da der willkommene Anlass.

Die Jubiläumsveranstaltungen sollen wohl auch übertünchen, daß die Kirchenleitung die gesellschaftliche Entwicklung und die eigene Reform verschlafen hat. Die Kirchenstrukturen sind im 18. Jahrhundert stehengeblieben. In der Gesellschaft ist Demokratie angesagt. Auch Gleichberechtigung von Frauen scheint langsam Eingang zu finden. Die Kirchenleitung übt sich demgegenüber in der Behauptung, Frauen könnten für Weihen nicht zugelassen werden. Zwiespältig spricht der Papst ständig von der Würde der Frau, von der Bedeutung der Laien und von der Notwendigkeit demokratischer Strukturen in allen Staaten der Erde.

Papst Johannes Paul II will sich im Jubiläumsjahr für die Vergehen seiner Vorgänger bei den Hexenverbrennungen, Kreuzzügen, beim Holocaust usw. entschuldigen. Scheinheilig bleibt dieses Vorhaben, wenn es keine Konsequenzen für die Gegenwart hat. Theologieprofessoren werden derzeit nach wie vor mit obskuren Methoden abgesetzt, Frauen nach wie vor gravierend benachteiligt und ausgegrenzt. Wird sich ein zukünftiger Papst (oder vielleicht eine Päpstin) für die innerkirchlichen Fehler von Johannes Paul II entschuldigen müssen?

Die Kirche hat auf ihrem ureigensten Gebiet viel Kompetenz verloren: der Spiritualität. Jahrhunderte lang war sie die erste Adresse für Menschen auf dem Weg zu Gott. Sie war Begleiterin auf der Suche der Menschen nach dem göttlichen Kern der Wirklichkeit. Die Erfahrung, dass in den Kirchen von Problemen geredet wird, die niemand mehr als solche empfindet oder dass auf die Fragen von heute mit Antworten von vorgestern reagiert wird, sitzt tief. Die Liturgie ist weitgehend erstarrt und hat den Bezug zum Leben verloren. Und doch hat die Kirche über zwei Jahrtausende einen Schatz erworben, der auch heute immer wieder aufleuchtet und von manchen wieder entdeckt wird, z.B. in der Mystik.

Ein Aspekt der inneren Krise der Kirche zeigt sich deutlich in der Altersstruktur der Priester: Durchschnitt um 65 Jahre. Die Entscheidungsträger sind kaum jünger. Über Jahrzehnte hinweg wurde an Gesetzen festgehalten, die eine dynamische Entwicklung verhindert haben. Die Kirchenleitung hat trotzdem ein Jubeljahr verordnet. Gar manche Pfarrer sagen bereits, man möge mit dem ganzen Rummel aufhören. Ändern würde sich sowieso nichts. Im Jahr 2000 wird es neue Leitlinien für die Pastoral in der Diözese geben. Dem Vernehmen nach ist darin keine Vision zu verspüren. Auch die Kirche Südtirols hat aus Angst vor Rom die Erneuerung zurückgestellt. Ist auch sie gefangen in der Erhaltung einer längst überholten und veralteten Struktur?

Johannes Paul II hat eine Kampagne für die Entschuldung der ärmsten Länder in die Welt gerufen. Es ist zu hoffen, daß sie tatsächlich umgesetzt wird. Erlass der Schulden, Versöhnung an Ort und Stelle mit den Menschen, dem Land und der Natur, Ruhe und Frieden für alle Lebewesen, kurzum ein Vorgeschmack auf das Paradies sollte ja das biblische Jubeljahr sein.

Unabhängig von der Frage, ob ein Papst zurücktreten soll, wenn die Aufgabe seine Kräfte übersteigt: Es ist äußerst bedenklich, wenn die Entwicklung einer so gewichtigen Institution, wie es die Kirche ist, von der Gesundheit und vom Gutdünken eines Mannes und seiner Vertrauten abhängt.

Welche Gestalt wird die Kirche aber im 3. Jahrtausend annehmen? Ich kann es nicht sagen, ich weiß nur, daß eine Gemeinschaft nötig sein wird, in der über den Sinn des Lebens, über das Woher und Wohin, über Gott und die Welt vorbehaltlos geredet werden kann. Ob es eine kleine oder eine große Gemeinschaft dazu braucht, ist ebenso offen, wie die Frage, ob sich die verschiedenen Religionen nicht auf ihren gemeinsamen Kern besinnen müssen.

Robert Hochgruber,
leicht gekürzte Fassung
aus: FF 2/2000


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