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18.10.2003
Ein Pontifikat verhängnisvoller Widersprüche
Hans Küng
Am 17. Oktober 1979 veröffentlichte ich eine
Zwischenbilanz des ersten Amtsjahrs Papst Johannes Pauls II. Es war dieser, in
mehreren Weltblättern publizierte Artikel, der zwei Monate später den Ausschlag
gab zum Entzug meiner kirchlichen Lehrbefugnis als katholischer Theologe.
25 Jahre Pontifikat haben meine Kritik
bestätigt. Für mich ist dieser Papst nicht der größte, wohl aber der widersprüchlichste
des 20. Jahrhunderts. Ein Papst vieler großer Gaben und vieler falscher
Entscheidungen. Vereinfacht auf einen Nenner gebracht: Seine »Außenpolitik«
verlangt von aller Welt Bekehrung, Reform, Dialog. Im krassen Widerspruch dazu
aber seine »Innenpolitik«, die auf Restauration des Status quo ante
Concilium und Verweigerung des innerkirchlichen Dialogs abzielt. In zehn
komplexen Problemfeldern zeigt sich diese Widersprüchlichkeit:
1. Derselbe
Mann, der die Menschenrechte nach außen vertritt, verweigert sie nach innen den
Bischöfen, Theologen, den Frauen vor allem: Der Vatikan darf die
Menschenrechtserklärung des Europarates nicht unterzeichnen; allzu viele
Kanones des mittelalterlich-absolutistischen römischen Kirchenrechtes müßten
zuvor geändert werden. Gewaltenteilung ist in der katholischen Kirche
unbekannt. In Streitfällen fungiert dieselbe Behörde als Gesetzgeberin,
Anklägerin und Richterin.
Folgen: Ein serviler
Episkopat und unhaltbare Rechtszustände. Wer mit der höheren kirchlichen
Instanz in einen Rechtsstreit gerät, hat kaum eine Chance, Recht zu bekommen.
2. Ein
großer Marienverehrer, der hehre Frauenideale predigt, aber Frauen abwertet und
ihnen die Ordination verweigert: Attraktiv für viele traditionell
katholische Frauen, stößt dieser Papst moderne Frauen ab, die er von höheren
Weihen »unfehlbar« für alle Ewigkeit ausschließen will und im Falle der
Empfängnisverhütung zur »Kultur des Todes« rechnet.
Folgen: Zwiespalt zwischen
äußerem Konformismus und innerer Gewissensautonomie, der wie etwa in der
Schwangerschaftskonfliktberatung auch die römisch gesinnten Bischöfe von den
Frauen entfremdet und so zu wachsendem Exodus der bisher noch kirchentreuen
führt.
3. Ein
Prediger gegen Massenarmut und Elend in der Welt, der jedoch mit seiner
Einstellung zu Geburtenregelung und Bevölkerungsexplosion an diesem Elend
mitschuldig ist: Der Papst, der auf seinen vielen Reisen und auch gegenüber
der UN-Bevölkerungskonferenz in Kairo gegen Pille und Kondome Stellung nimmt,
dürfte mehr als jeder Staatsmann mitverantwortlich sein für ein
unkontrolliertes Bevölkerungswachstum in manchen Ländern und die
Aidsausbreitung in Afrika.
Folgen: Selbst in
traditionell katholischen Ländern wie Irland, Spanien und Polen lehnt man
zunehmend die päpstliche Sexualmoral ab und wehrt sich gegen
römisch-katholische Rigorismus in Sachen Abtreibung.
4. Ein
Propagandist des zölibatären männlichen Priesterbildes, der die
Mitverantwortung trägt für den katastrophalen Priestermangel, den Zusammenbruch
der Seelsorge in vielen Ländern und die nicht mehr vertuschbaren
Pädophilie-Skandale im Klerus: Daß Priestern noch immer die Ehe verboten
wird, ist nur ein Beispiel dafür, wie auch dieser Papst sich über die Lehre der
Bibel und die große katholische Tradition des ersten Jahrtausends, die kein
Zölibatsgesetz für Amtsträger kennen, hinwegsetzt zugunsten des Kirchenrechts
aus dem 11. Jh.
Folgen: Die Kader haben
sich ausgedünnt, der Nachwuchs bleibt aus, in Bälde werden fast die Hälfte der
Pfarreien ohne ordinierte Seelsorger und regelmäßige Eucharistiefeiern sein,
was auch der Priester-Import aus Polen, Indien und Afrika und die fatale
Zusammenlegung von Pfarreien zu »Seelsorgeeinheiten« nicht mehr verschleiern
können.
5. Der
Betreiber einer inflationären Zahl von lukrativen Heiligsprechungen, der
zugleich mit diktatorischer Macht seine Inquisition gegen mißliebige Theologen,
Priester, Ordensleute und Bischöfe vorgehen läßt: Inquisitorisch verfolgt
werden vor allem Gläubige, die sich durch kritisches Denken und energischen
Reformwillen auszeichnen. Wie Pius XII. die bedeutendsten Theologen seiner Zeit
(Chenu, Congar, de Lubac, Rahner, Teilhard de Chardin) verfolgte, so Johannes
Paul II. (und sein Großinquisitor Ratzinger) Schillebeeckx, Balasuriya, Boff,
Bulányi, Curran sowie Bischof Gaillot (Evreux) und Erzbischof Huntington
(Seattle).
Folge: Eine
Überwachungskirche, in der sich Denunziantentum, Angst und Unfreiheit
breitmachen. Die Bischöfe empfinden sich als römische Statthalter statt als
Diener des Kirchenvolkes, und die Theologen schreiben Konformes oder –
schweigen.
6. Ein
Lobredner der Ökumene, der aber die Beziehungen zu den orthodoxen wie den
reformatorischen Kirchen belastet und die Anerkennung ihrer Ämter und
Abendmahlsgemeinschaft von Evangelischen und Katholiken verhindert: Der
Papst könnte, wie mehrfach von ökumenischen Studienkommissionen empfohlen und von
vielen Pfarrern vor Ort praktiziert, die Ämter und Abendmahlsfeiern der
nichtkatholischen Kirchen anerkennen und eucharistische Gastfreundschaft
erlauben. Auch könnte er den übersteigerten mittelalterlichen Machtanspruch
gegenüber Ostkirchen und reformatorischen Kirchen zurückschrauben. Er aber will
das römische Machtsystem erhalten.
Folgen: Die ökumenische
Verständigung wurde nach dem Vatikanum II blockiert. Das Papsttum erweist sich
wie schon im 11. Jh. und im 16. Jh. als das größte Hindernis für eine Einheit
der christlichen Kirchen in Freiheit und Vielfalt.
7. Ein
Teilnehmer am Zweiten Vatikanischen Konzil, der die dort beschlossene
Kollegialität des Papstes mit den Bischöfen mißachtet und den
triumphalistischen Absolutismus des Papsttums bei jeder Gelegenheit neu
zelebriert: Statt der konziliaren Programmworte »Aggiornamento – Dialog –
Kollegialität – ökumenische Öffnung« jetzt wieder in Wort und Tat »Restauration
– Lehramt – Gehorsam – Re-romanisierung«.
Folgen: Die Massen bei
Papstmanifestationen sollten nicht darüber hinwegtäuschen: Millionen haben
unter diesem Pontifikat »Kirchenflucht« begangen oder sich in die innere
Emigration zurückgezogen. Die Animosität der breiten Öffentlichkeit und der
Medien gegenüber der hierarchischen Selbstherrlichkeit hat bedrohlich
zugenommen.
8. Ein
Vertreter des Gesprächs mit den Weltreligionen, der diese zugleich als
defizitäre Formen von Glauben abqualifiziert: Der Papst versammelt gerne
Würdenträger anderer Religionen um sich. Aber von einem theologischen Eingehen
auf deren Anliegen ist wenig zu spüren. Vielmehr versteht er sich auch im
Zeichen des Dialogs noch als »Missionar« alten Stiles.
Folgen: Das Mißtrauen
gegenüber dem römischen Imperialismus ist nach wie vor weit verbreitet. Und
dies nicht nur unter den christlichen Kirchen, sondern auch in Judentum und
Islam und erst recht in Indien und China.
9. Ein
wortmächtiger Anwalt der privaten und öffentlichen Moral und engagierter
Kämpfer für den Frieden, der sich zugleich durch weltfremden Rigorismus als
moralische Autorität unglaubwürdig macht: Die berechtigten moralischen
Bemühungen des Papstes wurden weithin um ihren Erfolg gebracht durch
rigoristische Positionen in Fragen des Glaubens und der Moral.
Folgen: Für manche
traditionalistische Katholiken wie Säkularisten ein Superstar, hat dieser Papst
sein Amt durch Autoritarismus dem Autoritätsverfall preisgegeben. Obwohl auf
medial wirksam inszenierten Reisen ein charismatischer Kommunikator (bei
gleichzeitiger Gesprächsunfähigkeit und Regelungswut nach innen), fehlt ihm die
Glaubwürdigkeit eines Johannes XXIII.
10. Der
Papst, der sich im Jahre 2000 zu einem öffentlichen Sündenbekenntnis durchrang,
hat daraus kaum praktische Konsequenzen gezogen: Nur für die Verfehlungen
der »Söhne und Töchter der Kirche« bat er um Vergebung, nicht für die der
»heiligen Väter« und die der »Kirche selbst«.
Folgen: Das halbherzige
Bekenntnis hat keine Folgen: keine Umkehr, nur Worte, keine Taten. Statt nach
dem Kompaß des Evangeliums, der angesichts der gegenwärtigen Fehlentwicklungen
in Richtung Freiheit, Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit weist, richtet
man sich in Rom noch immer nach dem mittelalterlichen Recht, das statt einer
Frohbotschaft eine anachronistische Drohbotschaft mit Dekreten, Katechismen und
Sanktionen bietet.
Die Rolle des polnischen Papstes beim
Zusammenbruch des Sowjetimperiums läßt sich nicht übersehen. Doch ging dieses
nicht am Papst zugrunde, sondern an den wirtschaftlich-sozialen Widersprüchen
des Sowjetsystems selbst. Die tiefe persönliche Tragik dieses Papstes: Sein
polnisch-katholisches (mittelalterlich-gegenreformatorisch-antimodernistisches)
Modell von Kirche ließ sich nicht auf den »Rest« der katholischen Welt
übertragen. Vielmehr wurde es in Polen selber von der modernen Entwicklung
überrollt.
Für die katholische Kirche erweist sich
dieser Pontifikat trotz seiner positiven Aspekte letztendlich als ein Desaster.
Ein hinfälliger Papst, der seine Macht nicht abgibt, wiewohl er könnte, ist für
viele das Symbol einer Kirche, die hinter glänzender Fassade verknöchert und
altersschwach geworden ist. Wollte der nächste Papst die Politik dieses
Pontifikats weiterführen, würde er den ungeheuren Problemstau noch verstärken
und die Strukturkrise der katholischen Kirche geradezu ausweglos machen. Nein,
ein neuer Papst muß sich zu einem Kurswechsel entscheiden und der Kirche Mut zu
Neuaufbrüchen einflößen – im Geist Johannes’ XXIII. und in Konsequenz der
Reformimpulse des Zweiten Vatikanischen Konzils.