Dialog für Österreich -- Dialogue for
Austria
(October 23-26, 1998, Salzburg, Austria)
Ingrid Thurners Brief an Freundinnen und Freunde
der
Kirchenvolksbewegung in aller Welt
English Version
Liebe "Wir-sind-Kirche"-Freundinnen und -Freunde in aller Welt!
Die Delegiertenversammlung (23. - 26.10.1998 in Salzburg, St. Virgil)
zum "Dialog für Österreich" ist seit gestern Geschichte und wird
sicher Geschichte, hoffentlich auch Kirchengeschichte, machen. Unsere Erwartungen
und Hoffnungen wurden bei weitem übertroffen.
Delegierte aus den österreichischen Diözesen, kirchlichen
Institutionen und Verbänden oder auch direkt von der Bischofskonferenz
ernannt, trafen sich mit allen österreichischen Bischöfen (mit
Ausnahme des erkrankten Kardinals Schönborn) zu dieser Veranstaltung,
die eine Antwort auf das "Kirchenvolks-Begehren" des Jahres 1995 mit seinen
über 500.000 Unterschriften war.
Dieser "Dialog für Österreich" hatte sehr mühsam und mit einem
"nichtssagenden" Grundtext begonnen, in dem unsere Forderungen so gut wie
nicht vorkamen. Ungefähr 1.000 Eingaben zu diesem Papier stellten
alles auf den Kopf. Die Themen: Freistellung der priesterlichen Lebensform
- Weihe von Frauen - Mitverantwortung und Mitentscheidung der Ortskirchen
- eine neue Sicht von Sexualität ... dominierten bei weitem. Zum ersten
Mal wurde deutlich sichtbar, daß diese Anliegen den überwiegenden
Teil der aktivsten Kernschichten unserer Kirche bewegen. Im Arbeitspapier
für den Delegiertentag wurde bereits "Klartext geredet" - es gab so
gut wie keine Tabuthemen mehr, und sowohl "konservative" wie auch "progressive"
Anliegen wurden deutlich formuliert. Ca. 1.000 Änderungsvorschläge
dazu durch die Delegierten bewiesen bereits deren Engagement und zugleich
die Wichtigkeit dieser Versammlung.
Teilnehmerin (Dr. Thomas Plankensteiner und ich wurden direkt von der
österr. Bischofskonferenz nominiert; außerdem waren weitere
25 Mitglieder der Plattform Delegierte) dieser denkwürdigen Veranstaltung
möchte ich Euch allen gleich davon berichten und vor allem Mut machen:
Gebt nicht auf! Auch wenn es oft lange dauert, wenn die Durststrecken unerträglich
werden, wenn es aussichtlos scheint... der Geist Gottes vermag mehr, als
wir ihm manchmal zutrauen!
Natürlich hofften wir auf den einen oder anderen Teilerfolg - aber
was wir dort erlebten, war Pfingsten - ein Aufbruch, der nicht mehr rückgängig
gemacht werden kann. Noch am Samstag waren wir alle nur müde (von
der mühsamen Arbeit in den einzelnen Themengruppen) und ein bißchen
resignativ, da scheinbar einiges nicht so lief, wie wir es wünschten.
Über Nacht fegte ein Föhnsturm über Salzburg - und der Sonntag
wurde dann buchstäblich zu einem Tag des Herrn.
Wir haben Kirche gelebt, als Communio erlebt, in einem geschwisterlichen
Miteinander, wie wir es nicht einmal zu träumen wagten. Und das alles
einschließlich unserer Bischöfe. Gegenseitige Achtung und Akzeptanz
waren ständig zu spüren, die unterschiedlichsten Erfahrungen
und Standpunkte wurden - durchaus kontroversiell, aber nicht verletzend
- klar aus- und angesprochen, Menschen gingen aufeinander zu, die sich
sonst nur via Medien bekriegen, sprachen endlich miteinander, stritten
fair und konnten gemeinsam lachen ... es war einfach schön! Und trotz
allem kam nicht der "kleinste gemeinsame Nenner" (und damit nichtssagende
Aussagen) heraus, sondern klare Prioritäten für eine überfällige
Reform.
Praktisch alle Forderungen des Kirchenvolks-Begehrens fanden überwältigende
Mehrheiten (einzig die Priesterweihe für Frauen stand nicht zur Debatte
- auch aus taktischen Überlegungen von uns; in der Debatte kam sie
sehr wohl akzentuiert und bestimmt zur Sprache! Und natürlich trug
ich die Lila Stola als Kommunionspenderin beim Gottesdienst im Dom in Salzburg
- unbeanstandet, wenn auch argwöhnisch beobachtet von Bischöfen!).
Einige Beispiele (Zustimmung der Delegierten in Prozenten):
Mitsprache der Diözesen bei Bischofsernennungen: 89%; Kommunion
für Wiederverheiratet- Geschiedene: 87%; Weihe von Diakoninnen: 79%;Weihe
von viri probati: 75%; Freie Wahl der Methode der Empfängnisverhütung:
75%; Anerkennung Homosexueller: 75%.
Natürlich wiesen einige Bischöfe auf den Dissens mit dem Kirchenrecht
hin - andere waren sichtlich entspannt, ja erfreut über dieses Ergebnis
... ein Problem haben sie jetzt sicher in der Bischofskonferenz und beim
Ad-limina-Besuch Mitte November: Sollen sie sich gegen das eigene Kirchenvolk
oder gegen die Kirchenleitung entscheiden?
Was uns besonders freut: Unsere Anliegen sind jetzt nicht mehr ein "Kirchenvolks-Begehren", sondern ein "Delgierten-Begehren" (wir sind in die Mitte der Kirche gerutscht,
und unsere Forderungen haben eine sehr breite Basis bekommen) - ob sie
jetzt auch zu einem "Bischofs-Begehren" werden???
Kommentatoren vergleichen diesen Delegiertentag bereits mit der Dynamik
und der beispielhaften Aufbruchsstimmung des 2. Vat. Konzils - es wird
sich zeigen, ob dieser "Aufschrei" des Volkes Gottes Gehör findet.
Es war ein Sieg der Kirche von Österreich (und nicht einer der Plattform
"Wir sind Kirche"), die sich auf dieses "heilige Experiment" (Johannes
Paul II. zum "Dialog für Österreich") eingelassen hat. "Es geht
darum, auf den anderen zu hören und sich im persönlichen Zeugnis
selbst zu öffnen, aber auch im Wagnis zu lernen, den Ausgang des Dialoges
Gott zu überlassen." (JPII.) Genau das haben wir in diesen Tagen getan
- hoffen wir, daß auch die Bischöfe und die Kirchenleitung diesen
Mut haben!
Es ist also möglich, so miteinander umzugehen, daß spürbar
und sichtbar wird: "Seht, wie sie einander lieben!", ohne alles einzuebnen,
Unterschiede zu vermischen oder bei faulen Kompromissen zu landen! Das
mediale Echo darauf spricht Bände. Schon lange nicht mehr hatte unsere
Kirche ein derart gutes Image, und die deutliche Klimaverbesserung in unseren
Ortskirchen läßt Menschen aufatmen und neue Hoffnung schöpfen.
Und seit langem bin ich richtig stolz auf unsere Kirche - ein sehr gutes,
motivierendes Empfinden!!!
Gerade kam in den Nachrichten eine Meldung aus der Pressekonferenz von
Bischof Weber zur Dialogveranstaltung, bei der er dezidiert sagte, alles
an Rom weiterzuleiten. Auf die Feststellung des Journalisten, daß
Rom nicht so schnell dem Druck nachgeben werde und sich die Bischöfe
entscheiden müßten, auf welcher Seite sie stehen, antwortete
Bischof Weber: "Im Zweifelsfall auf der Seite des Kirchenvolkes"! Es gibt
noch Zeichen und Wunder!
Ich schreibe Euch dies alles erfüllt von Freude und in der Hoffnung,
Euch allen Mut zu machen. Es lohnt sich, wenn wir uns für das Reich
Gottes einsetzen - allen Widerständen zum Trotz!
Eure
Ingrid Thurner
|